Feuerpferd-Alarm in der WhatsApp-Gruppe: Ein Selbstversuch zum chinesischen Neujahr
Ich öffne die Augen, und schon blinkt die WhatsApp-Gruppe. „Good morning und willkommen im Jahr des Feuer-Pferdes 🐎🥰 Ab heute geht's bergauf 💪🏼“ Kaum wach, und unser Schicksal steht im Gruppenchat geschrieben. Am Vorabend hielt mich noch ein harmloses Instagram-Video zum chinesischen Neujahr vom Schlafengehen ab. Es erklärte den Übergang von der Holz-Schlange zum Jahr des Feuer-Pferdes, einer Kombination, die nur alle 60 Jahre auftritt und für Dynamik, Temperament, Mut und Tatkraft steht.
Glücksregeln für den Neustart im Galopp
Als Feuer-Schlange nach einem alten Kalender vom „MAN WAH China Restaurant“ war ich überzeugt: Dies wird mein Jahr. Nach acht Stunden Schlaf starte ich nun den Neustart im Galopp und gehe die Glücksregeln durch:
- Nicht fegen oder putzen: Man kehrt sonst das frisch eingezogene Glück hinaus.
- Müll nicht sofort herausbringen: Aus Angst, das neue Glück mitzuentsorgen.
- Keine Haare schneiden oder waschen: Haare klingen im Chinesischen wie Wohlstand – Schneiden oder Waschen könnte Reichtum abschneiden oder wegspülen.
- Nicht streiten oder fluchen: Schlechte Worte gelten als schlechtes Omen fürs ganze Jahr.
- Kein Geld verleihen oder Schulden eintreiben: Sonst verliert man angeblich das ganze Jahr über Geld.
- Keine kaputten Dinge benutzen: Sie stehen für Bruch im Leben; bei Schäden hilft ein Glücksspruch.
- Nicht schwarz oder weiß tragen: Diese Farben symbolisieren Trauer; Rot ist die Glücksfarbe.
- Bestimmte Speisen meiden: Brei steht für Armut, bittere Speisen für ein bitteres Jahr.
- Nicht zu lange schlafen: Faulheit am Neujahrstag soll Trägheit fürs ganze Jahr bedeuten.
Ein Morgen ohne Messer und Müll
Ich habe mir die Schlummer-Taste abgewöhnt – Regel 9 schon vor dem Aufstehen befolgt. Im Bad: Haarewaschen? Lieber Trockenshampoo. Die Ingwerwurzel für meinen Tee kommt nicht unters Messer, sondern in die Knoblauchpresse, was eine Riesensauerei verursacht. Der Müll bleibt dank Regel 2 auf dem Balkon, und der schwarze Pulli wird durch Grau ersetzt – eine komplizierte Rechnung für diese Uhrzeit. Im Radio höre ich negative Nachrichten und frage mich, ob innerliche Empörung schon als „schlecht reden“ gilt. Ich zwinge mich zur Disziplin und atme durch: Heute nur gute Energie.
Solidarität im Aberglaube
Später im Büro studiere ich die Speisekarte für china-neujahrskompatible Gerichte wie Paprika-Eintopf. Dann vibriert WhatsApp: Eine Freundin teilt einen Screenshot zum Feuer-Pferd mit dem Kommentar, sie habe heute ihre Haare nicht gewaschen. Ich teile mein Halbwissen, und prompt antworten Freundinnen: „Messer schon benutzt, Müll auch schon entsorgt“ und „Mist, heute ganz in Schwarz.“ Ich schreibe gönnerhaft zurück: „Keine Sorge. Ich teile mein China-Glück natürlich mit euch“ – Herz- und Lach-Emojis fliegen. Kurz sehe ich mich als Glücks-Lieferdienst. Die entscheidende Frage bleibt: Wie finde ich am Jahresende heraus, ob meine Glückssträhne auf die Regeln zurückzuführen ist? Vermutlich wird es dazu ein Insta-Video geben.



