Emotionale Debatte in Güstrow: Jugendliche fordern Mitsprache bei Wehrdienstgesetz
Im Dezember 2025 beschloss der Bundestag das neue Wehrdienstmodernisierungsgesetz, das Anfang 2026 in Mecklenburg-Vorpommern etwa 15.000 Frauen und Männer des Geburtsjahrgangs 2008 mit Fragebögen der Bundeswehr erreichte. Während junge Männer verpflichtet sind, diese auszufüllen und zur Musterung zu erscheinen, bleibt dies für Frauen freiwillig. Der Wehrdienst selbst ist weiterhin freiwillig, doch die Bundesregierung kann mit Bundestagszustimmung außerhalb von Spannungsfällen eine verpflichtende Einberufung anordnen, wenn die Sicherheitslage es erfordert.
Volles Rathaus und kontroverse Standpunkte
Bei der Donnerstagsdebatte am 19. März in Güstrow war der Rathaussaal bis auf den letzten Platz gefüllt, viele Gäste verfolgten die Diskussion stehend. Die parteiunabhängige Initiative „Miteinander demokratisch leben in Güstrow“ organisiert diese Debatten seit 2025, um Menschen mit unterschiedlichen Ansichten ins Gespräch zu bringen. Im Podium saßen General a. D. Christof Munzlinger, Militärpfarrer Johannes Richter aus Laage, Jugendoffizier Stefan Fischer aus Rostock sowie die Elftklässler Jeppe Tandelmayer von der Ecolea und Johann Seidel vom John-Brinckmann-Gymnasium.
Die beiden Abiturienten vertraten gegensätzliche Positionen: Johann Seidel sprach sich gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht aus, während Jeppe Tandelmayer dafür plädierte. Beide waren sich jedoch in einem zentralen Punkt einig: Sie forderten einen verpflichtenden Zivildienst für alle Jugendlichen. Die Moderation übernahm Caro Sternhagen von Güstrow TV.
Kritik an fehlender Mitsprache und Forderung nach jüngerem Wahlrecht
Obwohl die beiden 17-Jährigen unterschiedliche Haltungen zur Wehrpflicht vertraten, kritisierten sie unisono das fehlende Mitspracherecht bei der Gesetzgebung. „Ich kritisiere, dass wir darüber nicht mitentschieden haben. Wir wurden nicht gefragt. Und wir haben diese Regierung nicht gewählt, die das neue Gesetz beschlossen hat“, erklärte Johann Seidel deutlich. „Um es klar zu sagen: Ich finde das beschissen.“ Er betonte, dass er eine Mehrheitsentscheidung besser akzeptieren würde, wenn er beteiligt gewesen wäre.
Jeppe Tandelmayer setzte nach: „Ich bin deshalb für ein jüngeres Wahlrecht. Wir müssen schon ab 16 wählen können.“ Der Abiturient befürwortete eine Wehrpflicht, um „unsere Werte zu verteidigen“ und Menschen in Kriegsfällen zu schützen. Gleichzeitig zeigte er Verständnis für protestierende Schüler: „Ich verstehe jeden Schüler, der nicht damit einverstanden ist und sich deshalb an den Schulstreiks beteiligt. Das ist doch die Demokratie, die wir verteidigen wollen: Dass es unterschiedliche Meinungen gibt.“
Generationenkonflikt und emotionale Wortgefechte
Die Moderatorin wies auf eine Forsa-Umfrage hin, die einen deutlichen Generationenkonflikt offenbarte: 59 Prozent der über 60-Jährigen wünschen sich die Wehrpflicht zurück, während 59 Prozent der 18- bis 29-Jährigen sie ablehnen. Brigadegeneral a.D. Munzlinger versuchte, die Schulstreiks als von DKP und Jungkommunisten organisierte Bewegung zu diskreditieren, erhielt aber von den Jugendlichen klare Gegenargumente.
„Es ist doch egal, wer das organisiert, wenn da so viele Schüler mitmachen“, konterte Jeppe Tandelmayer. An den bundesweiten Schulstreiks gegen die Wehrpflicht hatten sich über 100.000 Jugendliche beteiligt. Als das Publikum sich zu Wort melden konnte, dominierte zunächst die ältere Generation, was zu heftigen Wortgefechten zwischen dem Ex-General und Vertretern der Friedensbewegung führte.
Weibliche Perspektiven und Gleichstellungsdebatte
Auffällig war, dass im Podium außer der Moderatorin nur Männer saßen. Henning Eschenburg von den Organisatoren entschuldigte dies mit der Absage von Julika Koch von der Nordkirche. Doch zwei junge Frauen aus dem Publikum brachten wichtige weibliche Perspektiven ein.
Eine Teenagerin wunderte sich, dass Gegner der Wehrpflicht, die sich für den Frieden einsetzen, teilweise wenig friedlich agierten, während Befürworter, die mit dem Schutz der Demokratie argumentieren, Schwierigkeiten hatten, andere Meinungen auszuhalten. Diese Wortmeldung erhielt viel Beifall.
Eine zweite junge Frau wandte sich direkt an den Ex-General, der sich für eine Wehrpflicht für beide Geschlechter ausgesprochen hatte: „Wir Frauen wollen Gleichberechtigung, keine Gleichmacherei. Wir sind nun mal unterschiedlich körperlich gebaut. Ich finde, deshalb darf es keine Wehrpflicht für Frauen geben!“
Kein Konsens, aber gelungener Austausch
Die auf zwei Stunden begrenzte Debatte endete erwartungsgemäß ohne Konsens. Doch die Organisatoren erreichten ihr Ziel: Die Menschen konnten ihre Meinungen austauschen und kamen hoffentlich auch nach der Veranstaltung weiter miteinander ins Gespräch. Die emotionale Diskussion in Güstrow zeigte deutlich, wie tief die Gräben in der Wehrpflichtdebatte sind – besonders zwischen den Generationen und zwischen denen, die über das Gesetz entscheiden, und denen, die es betrifft.



