Studie: Soziale Medien formen Weltbilder von Jugendlichen – Besorgniserregende Tendenzen bei Jungen
Soziale Medien formen Jugend-Weltbilder – Besorgniserregende Tendenzen

Soziale Medien als zentrale Wertekompasse für Jugendliche

Soziale Medien haben sich für die junge Generation zu den wichtigsten Informationsquellen und Orientierungshilfen entwickelt. Eine aktuelle Studienreihe des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen, die von der MaLisa Stiftung initiiert wurde, offenbart dabei tiefgreifende Veränderungen in der Wertebildung Heranwachsender.

Plattformen als Orte der Weltdeutung

Die Untersuchung mit dem Titel „Soziale Medien, Geschlechterbilder und Werte“ zeigt eindrücklich, wie sehr Plattformen wie TikTok und Instagram das Denken junger Menschen prägen. Neun von zehn Jugendlichen nutzen soziale Medien regelmäßig, um sich über für sie relevante Themen zu informieren. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass 84 Prozent der 13- bis 18-Jährigen in sozialen Netzwerken gezielt Kommentare lesen, um Diskussionsverläufe zu verfolgen. Zwei Drittel der Befragten informieren sich dort über politische Entwicklungen und zeitgeschichtliche Ereignisse.

Die Studienautoren kommen zu dem Schluss, dass diese digitalen Plattformen für viele Jugendliche inzwischen zentrale Orte der Weltdeutung und Wertebildung darstellen. Diese Entwicklung wird von Bildungsexperten mit großer Aufmerksamkeit beobachtet, da sie traditionelle Sozialisationsinstanzen wie Familie und Schule zunehmend ergänzt oder sogar ersetzt.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Besorgniserregende Weltbilder bei männlichen Jugendlichen

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die geschlechtsspezifischen Unterschiede, die die Studie zutage fördert. Bei den befragten Jungen weisen etwa 26 Prozent ein als besorgniserregend eingestuftes Weltbild auf. Dieses ist charakterisiert durch:

  • Rechte politische Einstellungen und Orientierungen
  • Klimaskeptische bis klimaleugnende Positionen
  • Ablehnende Haltungen gegenüber LGBTQ+-Themen
  • Traditionelle, hierarchische Männlichkeitsbilder

Die Forschungsteams dokumentieren dabei erstmals wissenschaftlich, dass diese verschiedenen Elemente häufig gemeinsam auftreten und sich gegenseitig verstärken. Diese Bündelung unterschiedlicher problematischer Einstellungen stellt nach Ansicht der Wissenschaftler eine neue Qualität in der Jugendforschung dar.

Algorithmische Verstärkung problematischer Inhalte

Qualitative Analysen der Studie zeigen zudem bedenkliche Mechanismen in sozialen Netzwerken auf. Der TikTok-Algorithmus kann Jungen, die sich beispielsweise für Fitness oder Luxusautos interessieren, vermehrt Inhalte rechtsextremer Akteure oder der sogenannten „Manosphere“ anzeigen. Diese digitalen Inhalte knüpfen gezielt an emotionale Zustände wie Einsamkeit oder Frustration an und bieten scheinbare Lösungen durch vereinfachte Weltbilder.

Zur „Manosphere“ zählen Inhalte, die sich besonders an junge Männer und männliche Jugendliche richten und dabei:

  1. Frauenverachtende Aussagen verbreiten
  2. Stereotype Geschlechterrollen propagieren
  3. Männer als „Opfer“ der Gleichberechtigung darstellen
  4. Gewalt gegen Frauen verharmlosen oder rechtfertigen

Gegenimpulse zeigen begrenzte Wirkung

In einem experimentellen Teil der Studie testeten die Forschenden kurze Gegenimpulse in Form von zwölfsekündigen TikTok-Clips. Bei rechtsorientierten Jungen sank die Zustimmung zur sogenannten „Red-Pill-Ideologie“ nach dem Anschauen solcher Videos von 50 auf 43 Prozent. Die Wissenschaftler betonen jedoch, dass über langfristige Effekte dieser kurzen Interventionen keine Aussagen möglich sind und weiterführende Forschung notwendig bleibt.

Die umfangreiche Studienreihe basiert auf einer repräsentativen Befragung von 705 Jugendlichen sowie ergänzenden qualitativen und medienanalytischen Untersuchungen, die zwischen Februar und September 2025 durchgeführt wurden. Beteiligt an der Analyse war neben der von Maria und Elisabeth Furtwängler gegründeten MaLisa Stiftung auch das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales.

Die Ergebnisse unterstreichen die dringende Notwendigkeit, die Rolle sozialer Medien in der Wertebildung Jugendlicher stärker in den Fokus pädagogischer und politischer Bemühungen zu rücken. Besonders die algorithmische Verstärkung problematischer Inhalte und deren gezielte Ansprache vulnerabler Jugendlicher erfordern nach Ansicht der Forschenden konkrete Gegenmaßnahmen.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration