Der Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt im Dezember 2024 hat tiefe Spuren hinterlassen, insbesondere bei den jüngsten Opfern. Mehrere Monate nach der Tat sind die betroffenen Kinder nach Einschätzung eines Experten noch weit von einer Rückkehr zur Normalität entfernt. Der Kinder- und Jugendpsychiater Hans-Henning Flechtner sagte am Dienstag vor dem Landgericht Magdeburg, dass die Kinder unter einem „Kanon von Beschwerden“ leiden, der ihre altersgerechte Entwicklung erheblich beeinträchtigt.
Vielfältige Symptome und Entwicklungsverzögerungen
Zu den häufigsten Symptomen zählen laut Flechtner Ängste, Schreckhaftigkeit, Atemnot, Kopf- und Bauchschmerzen sowie Schlafstörungen. Diese Beschwerden bestimmten den Alltag der Kinder und erschwerten eine normale Entwicklung. Besonders betroffen sei die Entwicklung der Selbstständigkeit. Während Gleichaltrige den Schulweg allein bewältigen, sich mit Freunden treffen und ihre Freizeit eigenständig gestalten, seien die betroffenen Kinder auf intensive Betreuung durch ihre Familien angewiesen. Flechtner betonte, dass keines der fünf von ihm begutachteten Kinder vor dem Anschlag Auffälligkeiten gezeigt habe und alle aus intakten Familienverhältnissen stammen.
Herausforderungen für die Familien
Der Psychiater wies darauf hin, dass die gesamten Familien unter den Folgen des Anschlags leiden. Viele Eltern hätten versucht, schnell zu einer Normalität zurückzukehren, was jedoch die Gefahr berge, die Erlebnisse zu bagatellisieren. „Es ist ein schmaler Grat zwischen Rücksichtnahme und altersgerechten Anforderungen“, erklärte Flechtner. Als Beispiel nannte er das selbstständige Fahrradfahren zur Schule. Eltern müssten abwägen, ob sie darauf bestehen oder dem Kind erlauben, aus Angst darauf zu verzichten. Letzteres könne dazu führen, dass das Kind nie wieder Fahrrad fahre. Flechtner empfahl, in solchen Situationen therapeutische Beratung in Anspruch zu nehmen.
Der Prozess gegen den Todesfahrer
Der Prozess gegen den damals 50-jährigen Taleb Al-Abdulmohsen, der den Wagen über den Weihnachtsmarkt gesteuert haben soll, findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Laut Anklage der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg lenkte der Angeklagte einen mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen etwa 350 Meter weit über den Markt, wobei er bis zu 48 Kilometer pro Stunde schnell gewesen sein soll. Die Anklage wirft ihm unter anderem sechsfachen Mord und versuchten Mord in 338 Fällen vor. Bei dem Anschlag starben fünf Frauen und ein neunjähriger Junge, mehr als 300 Menschen wurden teils schwerst verletzt. Der Angeklagte verfolgt den Prozess aus einer Glaskabine und hat ein Laptop für Akteneinsicht erhalten, meldet sich aber selten zu Wort.



