Hamburger Gericht verurteilt zehn junge Männer nach tödlichem Balkonsturz
Elf Monate nach dem tragischen Tod eines 15-Jährigen, der bei der Flucht vor einem Überfall in Hamburg-Wilstorf vom Balkon eines Mehrfamilienhauses stürzte, hat das Landgericht Hamburg ein deutliches Urteil gefällt. Zehn Angeklagte wurden schuldig gesprochen, sieben von ihnen müssen mehrjährige Haftstrafen verbüßen. Die Vorsitzende Richterin beschrieb die Ereignisse der Tatnacht als "Szenen wie aus einem Horrorfilm".
Überfall im achten Stock endet tödlich
In der Nacht zum 14. April 2025 stürmten acht Männer eine Wohnung im achten Stock eines Mehrfamilienhauses im Hamburger Stadtteil Wilstorf, während drei weitere Komplizen vor dem Gebäude Schmiere standen. Die Jugendkammer des Landgerichts stellte fest, dass einer der Angreifer die Wohnungstür eintrat und ein anderer mit einer Machete die gläserne Wohnzimmertür zerschlug.
Die vier jungen Männer in der Wohnung – drei im Alter zwischen 17 und 21 Jahren sowie der 15-jährige spätere Todesopfer – gerieten in Todesangst und flohen auf den Balkon. Einer kletterte auf einen versetzten Balkon im siebten Stock und hielt sich dabei am Blitzableiter fest. Der 15-Jährige versuchte, über die Brüstung in der Mitte des Balkons zu gelangen, verlor jedoch den Halt und stürzte in den Tod.
Polizei zeichnete Tatgeschehen auf
Minuten vor dem Überfall hatten die Bedrohten die Polizei alarmiert. Bei der Flucht auf den Balkon ließ der Anrufer sein Handy auf einem Sofa liegen, ohne die Verbindung zu trennen. Dadurch konnte die Polizei das gesamte, gut drei Minuten dauernde Tatgeschehen akustisch aufzeichnen.
Als die Angreifer flüchteten, nahm ein damals 17-Jähriger, den die Richterin später als Rädelsführer bezeichnete, das Telefon an sich. Er bemerkte, dass die Polizei noch in der Leitung war, meldete sich unter falschem Namen und behauptete, betrunken und versehentlich die Polizei angerufen zu haben, bevor er auflegte.
Vorgeschichte und Urteile
Die Angeklagten und ihre Opfer kannten sich teilweise oder waren sogar befreundet. Der Tat waren gewaltsame Auseinandersetzungen an der Reeperbahn, am Jungfernstieg und vor einem Einkaufszentrum in Hamburg-Harburg vorausgegangen. In einer Textnachricht hatte einer der Angreifer gedroht: "Ich schwöre bei Gott, ich werde den Speer in sein Herz stechen."
Die Richterin wies darauf hin, dass der 15-jährige Tote zwei Tage vor der Tat zusammen mit dem Rädelsführer einen jungen Mann entführt und gefoltert hatte, nachdem dieser bei einer gemeinsamen Geldwäschetransaktion seine EC-Karte sperren ließ. "Der Tote war kein Unschuldslamm", stellte sie fest.
Das Gericht verurteilte sieben Angeklagte wegen besonders schweren Raubes und Körperverletzung mit Todesfolge, drei weitere wegen Beihilfe. Der Rädelsführer, inzwischen 18 Jahre alt, erhielt eine Jugendstrafe von viereinhalb Jahren Haft. Die höchste Strafe von sechs Jahren bekam ein 25-Jähriger, der nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt wurde. Ein 18-Jähriger, der ein umfassendes Geständnis ablegte, erhielt zwei Jahre Haft auf Bewährung.
Zwei weitere junge Männer wurden wegen Beihilfe verurteilt und stehen bei Strafandrohung eines Jugendarrests für anderthalb Jahre unter Bewährung. Ein zehnter Angeklagter muss wegen Beihilfe ein Antigewalttraining absolvieren. Ein mutmaßlicher Mittäter floh nach Angaben der Richterin nach Syrien. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.



