Nach Inferno in Crans-Montana: Justiz ermittelt gegen Gemeinde wegen Brandschutzversäumnissen
Mehr als fünf Wochen nach dem verheerenden Inferno in der Bar „Le Constellation“ im Schweizer Skiort Crans-Montana mit 41 Toten und 115 Verletzten hat die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen deutlich ausgeweitet. Neben den Betreibern der Bar werden nun auch Verantwortliche der Gemeinde wegen möglicher Versäumnisse beim Brandschutz untersucht.
Pyrofontänen lösten tödliches Feuer aus
In der Silvesternacht hatten Pyrofontänen an Champagnerflaschen zunächst die Decke der Bar in Brand gesetzt. Die Flammen breiteten sich rasch aus und entwickelten sich zu einem tödlichen Feuer, das zahlreiche Menschenleben forderte. Die Katastrophe erschütterte die internationale Skigemeinde und löste eine intensive strafrechtliche Untersuchung aus.
Ermittlungen gegen Gemeindeverantwortliche
Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud teilte am Montagabend mit, dass die ursprünglich nur gegen die Bar-Betreiber geführte Untersuchung nun auf den aktuellen Leiter des Sicherheitsdienstes der Gemeinde Crans-Montana sowie auf den ehemaligen Sicherheitsbeauftragten und Leiter des Sicherheitsdienstes der Gemeinde ab dem Jahr 2021 ausgeweitet wurde. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die Vorwürfe der fahrlässigen Tötung, fahrlässigen Körperverletzung und fahrlässigen Brandstiftung.
Schwere Mängel bereits 2019 dokumentiert
Bereits im Jahr 2019 hatte der damals zuständige Feuer-Inspektor Ken J. in einem offiziellen Inspektionsbericht gravierende Mängel in der Bar dokumentiert:
- Brennbares Material an der Kellertreppe, die später zur Todesfalle wurde
- Fehlendes Brandschutzkonzept
- Keine Evakuierungspläne
- Nicht für den Brandfall geschultes Personal
Obwohl der Mitarbeiter des Rathauses eine Frist von drei Monaten zur Beseitigung dieser Mängel setzte, kehrte Ken J. nie wieder zur Kontrolle zurück. Sein Nachfolger Christopher B., der den Job 2021 übernahm, soll bei Bar-Betreiber Jacques Moretti ebenfalls nie vorstellig geworden sein.
Stundenlange Vernehmungen der Inspektoren
Beide Inspektoren wurden am vergangenen Freitag sowie am Montag jeweils zwölf Stunden lang in Sitten vernommen. Schweizer Medien berichteten, dass Christopher B. ausgesagt habe, er habe nach einem Software-Update keinen Zugriff mehr auf die Liste der kontrollierten Gastronomiebetriebe gehabt und daher nicht gewusst, welche Fristen einzuhalten waren.
Umfangreiche Ermittlungsakte
Die Ermittlungsakte zur Neujahrskatastrophe umfasst inzwischen beeindruckende 2000 Seiten und 8500 Asservate. 263 Zivilparteien, darunter Überlebende und Angehörige von Verstorbenen, werden von 74 Rechtsanwälten aus der Schweiz, Italien und Frankreich vertreten.
Überwachungsaufnahmen sollen Klarheit bringen
Generalstaatsanwältin Pilloud kündigte an, dass die Rechtsvertreter demnächst die gesicherten Überwachungskamera-Aufnahmen aus der Bar und aus dem Umfeld des „Le Constellation“ einsehen dürfen. Um Indiskretionen zu vermeiden, dürfen diese sensiblen Aufnahmen ausschließlich in einem gesicherten Raum betrachtet werden.
Internationale Koordination der Strafverfolgung
Nach der Kritik aus Italien an der Freilassung des Bar-Betreibers Jacques Moretti (49) aus der Untersuchungshaft treffen sich italienische und Walliser Strafverfolgungsbehörden am 19. Februar in Bern. Pilloud erklärte: „Ziel dieses Treffens ist es, die geplanten Vorgehensweisen zu erläutern und die Grundlage der Rechtshilfe weiterzuentwickeln.“
Die Ermittlungen in diesem komplexen Fall dauern an, während die betroffenen Familien und die internationale Gemeinschaft auf Aufklärung und Gerechtigkeit warten. Die Tragödie von Crans-Montana hat nicht nur menschliches Leid verursacht, sondern auch grundlegende Fragen zur Effektivität von Brandschutzkontrollen und behördlichen Aufsichtspflichten aufgeworfen.



