Tragödie am Bahnhof: Wer war Liana K., das Mädchen, das vor den Zug gestoßen wurde?
Es ist ein sonniger Tag in Heilbad Heiligenstadt, einer 17.000-Einwohner-Stadt in Thüringen, etwa 40 Kilometer südlich von Göttingen gelegen. Gotische Kirchen, barocke Gebäude und sanfte Hügel prägen das Bild dieser Region. Hier, in dieser scheinbar idyllischen Kleinstadt, lebt Familie K. In einem bescheidenen Lokal sitzen wir Alisa K. gegenüber, der Mutter von Liana – einem jungen Mädchen, dessen Name untrennbar mit einem grausamen Verbrechen verbunden ist.
Ein Verbrechen, das Deutschland erschütterte
Am 11. August 2025 ereignete sich am Bahnhof von Friedland im Süden Niedersachsens eine Tragödie, die das ganze Land in Atem hielt. Der damals 31-jährige Iraker Muhammad A. soll die 16-jährige Liana K. gegen einen durchfahrenden Güterzug gestoßen haben. Das Mädchen starb noch am Tatort. Der Fall entfachte erneut eine hitzige Debatte über tödliche Gewaltkriminalität, die von Zuwanderern ausgeht, zumal Liana bei Weitem nicht das erste Opfer eines Zuwanderers mit psychischen Problemen war.
Die Ermittlungsbehörden agierten anfangs äußerst unbeholfen: Sie hatten den Tatverdächtigen zunächst nicht auf dem Radar und gingen von einem Unfall aus. Gegen Muhammad A. ist kein klassischer Strafprozess geplant, da er als psychisch krank und schuldunfähig gilt. Stattdessen wurde ein Sicherungsverfahren beantragt, das eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus vorsieht. Der ausreisepflichtige Iraker hätte eigentlich schon Monate vor der Tat nach Litauen überstellt werden müssen.
Eine Familie auf der Flucht
Doch bevor Lianas Name zur Schlagzeile wurde, war sie vor allem eines: eine liebevolle Tochter, eine fürsorgliche Schwester und ein junges Mädchen mit klaren Zielen und großen Träumen. Ihre Familie hatte bereits immense Herausforderungen gemeistert. Im Juli 2022 flohen sie aus ihrer Heimatstadt Mariupol in der Ukraine, die seit Februar desselben Jahres von russischen Truppen belagert wurde. Ihr Haus wurde im Angriffskrieg zerstört.
Nach einer beschwerlichen Reise von über 2300 Kilometern fand die Familie schließlich im Landkreis Eichsfeld in Thüringen Zuflucht. Zunächst kamen sie im Versammlungsraum der Feuerwehr in Geisleden unter – ein provisorisches Zuhause, das sie dennoch dankbar annahmen. Mit Unterstützung der Gemeinde bezogen sie später eine eigene Wohnung in Heilbad Heiligenstadt. Dass ausgerechnet hier, in Deutschland, weit weg vom Krieg, ihre Tochter durch eine Gewalttat sterben musste, die die Gesellschaft nicht verhindern konnte, trägt Lianas Mutter mit erstaunlicher Fassung. Doch der unermessliche Schmerz über den Verlust ist unverkennbar.
Ein musikalisches Talent mit großem Ehrgeiz
Alisa K. erinnert sich an ihre Tochter als liebenswürdiges, freundliches und mitfühlendes Mädchen, das eine besondere Ruhe ausstrahlte. „Sie hat nicht laut gesprochen, sich nicht in den Vordergrund gedrängt. Und doch war sie präsent, aufmerksam und zugewandt“, berichtet die Mutter. Besonders ihre beiden Brüder lagen Liana am Herzen; sie kümmerte sich liebevoll um sie.
In Mariupol hatte Liana eine Musikschule besucht und leidenschaftlich Klavier gespielt. Sie nahm an zahlreichen nationalen und internationalen Wettbewerben teil und gewann Medaillen. Ein Bild auf Alisas Handy zeigt die Tochter am Klavier mit einer Auszeichnung um den Hals – eine Erinnerung an eine Zeit, in der Musik ein fester Bestandteil ihres Lebens war.
In Deutschland baute sich Liana ein neues Leben auf. Ihr Alltag war geprägt von Disziplin und Lernfleiß. „Sie hat jeden Tag gelernt. Als ich ihr sagte, sie solle auch mal Pause machen, antwortete sie, dass sie lernen müsse“, erzählt Alisa. Bildung war für Liana kein Zwang, sondern ein Versprechen auf eine bessere Zukunft.
Leidenschaften und Zukunftspläne
Neben dem Lernen und der Musik hatte die 16-Jährige weitere Interessen:
- Malen: Sie zeichnete Natur, Tiere und ruhige Motive – eine geduldige Beschäftigung, die zu ihrem Charakter passte.
- Musik: Wie viele Teenager hörte sie K-Pop, behielt ihre Lieblingsband aber als kleines Geheimnis für sich.
- Computerspiele: Besonders „Minecraft“ mochte sie sehr.
Lianas größter Wunsch war es, Menschen zu helfen. Zunächst wollte sie Psychologin werden, später entschied sie sich für den Traum, Zahnärztin zu werden und eine eigene Praxis zu eröffnen. Im August 2025 begann sie glücklich ihre Lehre zur zahnmedizinischen Fachangestellten und pendelte täglich mit dem Zug zwischen Heilbad Heiligenstadt und Friedland.
Ein ganz normaler Teenager mit außergewöhnlichem Wesen
Im Alltag zeigte sich Lianas Wesen in kleinen Gesten: Sie schminkte sich morgens vor dem Frühstück, zog sich bei schlechter Laune in ihr Zimmer zurück und sprach ungern über Probleme, um niemanden zu belasten. Gemeinsame Momente waren ihr besonders wichtig; nach der Schule setzte sie sich oft mit ihrer Mutter in die Küche und erzählte von ihrem Tag.
„Auf dem Heimweg von der Schule hielt sie oft im Laden an und kaufte mir einen kleinen Blumenstrauß“, erinnert sich Alisa. „Sie wollte alle glücklich machen.“ Zu Feiertagen beschenkte sie ihre Familie liebevoll.
Ein Verlust, der eine Familie zerrissen zurücklässt
Alisa K. wirkt nachdenklich, wenn sie von ihrer Tochter spricht. Der jüngste Bruder fragt immer wieder nach seiner Schwester und kann nicht begreifen, warum sie nicht zurückkommt. Der ältere Bruder schweigt und trägt seinen Schmerz in sich hinein.
„Wir vermissen sie unendlich, doch sie würde nicht wollen, dass wir sie loslassen. Deshalb müssen wir ihretwegen kämpfen und weiterleben“, sagt die Mutter. „Liana war wie ein Lichtstrahl in der Dunkelheit. Sie wird für immer in unseren Herzen bleiben.“
Ein Mädchen voller Träume, das anderen helfen wollte, wurde selbst zum Opfer einer Gewalttat, die Fragen nach Sicherheit, Integration und psychiatrischer Versorgung aufwirft – und eine Familie in unermesslicher Trauer zurücklässt.



