Prozessauftakt in Spanien: Deutsche Eltern wegen jahrelanger Einsperrung ihrer Kinder angeklagt
In der nordspanischen Stadt Oviedo hat ein außergewöhnlicher Strafprozess begonnen, der selbst erfahrene Ermittler tief erschüttert hat. Ein deutsches Elternpaar muss sich seit heute vor dem Provinzgericht in der Region Asturien verantworten. Die schwerwiegenden Vorwürfe: Die Angeklagten sollen ihre drei eigenen Kinder über dreieinhalb Jahre lang in einem völlig vermüllten Haus am Stadtrand von Oviedo eingesperrt und damit schwer vernachlässigt haben.
Staatsanwaltschaft fordert lange Haftstrafen für psychische Gewalt und Freiheitsberaubung
Die spanische Staatsanwaltschaft hat für den 54-jährigen deutschen Vater und seine 49-jährige deutschamerikanische Ehefrau jeweils eine Freiheitsstrafe von 25 Jahren und vier Monaten beantragt. Den Eltern wird psychische Gewalt innerhalb der Familie, Freiheitsberaubung sowie schwere Vernachlässigung ihrer Schutzbefohlenen zur Last gelegt. Persönliche Daten der Angeklagten wurden von den spanischen Behörden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht weiter veröffentlicht.
Die mündliche Verhandlung findet unter striktem Ausschluss der Öffentlichkeit statt, um die drei minderjährigen Opfer bestmöglich zu schützen. Die Anhörungen sind auf zwei Tage terminiert und sollen bereits am morgigen Mittwoch abgeschlossen sein. Allerdings wird mit einem endgültigen Urteil erst zu einem späteren, noch nicht bekannten Zeitpunkt gerechnet.
Eltern verteidigen sich mit Schutzbehauptungen vor Corona-Ansteckung
Gegenüber der spanischen Justiz haben beide Angeklagte ihre Unschuld beteuert und eine überraschende Begründung für ihre Handlungen vorgebracht. Sie behaupten, ihre drei kleinen Kinder bewusst von der Außenwelt isoliert zu haben, um sie vor möglichen Ansteckungen mit Krankheiten wie COVID-19 zu schützen. Diese Schutzbehauptung steht im krassen Widerspruch zu den Ermittlungsergebnissen.
Die drei Kinder – damals achtjährige Zwillinge und ein zehnjähriger Junge – wurden Ende April 2025 durch ein beherztes Eingreifen befreit. Eine besorgte Nachbarin hatte die örtliche Polizei alarmiert, nachdem sie verdächtige Umstände bemerkt hatte. Die eintreffenden Ermittler fanden die Kinder in einem Zustand vor, den sie später als „Horrorhaus“ beschrieben – ein Gebäude, das bis zur Decke mit Müll und Unrat angefüllt war und völlig unzumutbare Lebensbedingungen bot.
Das als „Horrorhaus“ bekannt gewordene Gebäude befindet sich im Stadtteil Fitoria am Rande von Oviedo, der Hauptstadt der autonomen Region Asturien. Die Bilder des verwahrlosten Anwesens gingen damals durch die spanischen Medien und lösten landesweit Entsetzen aus. Die Kinder wurden umgehend in Obhut genommen und erhalten seit ihrer Befreiung umfassende psychologische und medizinische Betreuung.
Der nun begonnene Prozess wirft nicht nur Fragen nach den individuellen Schuldanteilen der Eltern auf, sondern auch nach möglichen Versäumnissen im sozialen Umfeld. Wie konnte eine derartige Situation über Jahre hinweg unentdeckt bleiben? Die spanische Justiz verspricht eine lückenlose Aufklärung des Falls, der internationale Aufmerksamkeit erregt hat.



