Traurig für Familien: Die Spielzeugkiste in Solln schließt. Nach 40 Jahren macht das große Spielzeuggeschäft zu. Pächter Nigel Holmes gibt auf. Zwei Faktoren zwingen ihn zur Schließung: Corona und der Onlinehandel.
Ein Münchner Kult-Laden schließt
Vor der Tür sieht es bunt aus: In Tonnen stehen große orange Spielplatzschaufeln und Schmetterlingsnetze. Knallige Hula-Hoop-Reifen und Wasserspritzpistolen stehen zur Auswahl. Die „Spielzeugkiste“ in Solln hat 40 Jahre Kinderherzen höherschlagen lassen. Hier gibt es auf 160 Quadratmetern Lego und Playmobil, Heliumballons für Kindergeburtstage – Salzkrebse zum Züchten und allerlei Lupen und Pinzetten, um Insekten zu fangen.
Doch die Sollner Familien trauern: Nach 40 Jahren macht das große Spielzeuggeschäft zu. Pächter Nigel Holmes gibt auf. Zehn Jahre hat der gelernte Programmierer aus Landshut den Laden mit einer kindlichen Freude, Leidenschaft und Charme geleitet.
Über 50-Stunden-Wochen, doch es reichte nicht
Trotz großen Einsatzes, oft mehr als 50 Stunden Arbeit in der Woche, ließ sich das Fachgeschäft nicht mehr rentabel führen. „Corona und der Onlinehandel waren das Problem“, sagt der 58-Jährige. Ihn schmerzt die Geschäftsaufgabe sehr: Einmal weil er seine Kunden sehr mochte. Zudem hat sich Holmes mit dem Kinder-Sortiment selbst einen Kindheitstraum erfüllt: „Wenn ich die Kisten der Hersteller ausgepackt habe, war es für mich oft wie Weihnachten. All diese ferngesteuerten Autos, die für mich damals unerschwinglich waren“, sagt der Pächter. „In echt glänzen sie noch schöner als im Katalog!“, schwärmt der hochgewachsene Mann. Auch an der Dampfmaschine und an den Flugzeugen, in den Regalen, hatte er besonderen Spaß.
Coronahilfe zurückzuzahlen „hat geschmerzt“
Nigel Holmes schimpft auf die Politik: „In der Coronazeit musste ich kurz vor Weihnachten schließen, dann noch einmal – und noch einmal. Ich habe Verlust gemacht.“ 9000 Euro Coronahilfe haben ihn dann gerettet. Doch eine böse Überraschung brach ihm das Genick: „Eine Unverschämtheit. Ich musste die Coronahilfe plötzlich zurückzahlen. Die Regeln waren geändert. Und galten für Geschäfte, die nach Öffnung drei Monate lang keinen Verlust gemacht haben. Das hat geschmerzt.“
Der Spielzeugverkäufer erklärt: Zudem habe sich inzwischen der Online-Handel immer mehr etabliert. Gerade Spielsachen seien über das Internet oft preiswerter. Eine Kundin wirft ein. „Familien kaufen die Überraschungen für ihre Kids natürlich gerne abends in Ruhe und ohne die Kinder im Schlepptau im Spielwarengeschäft“. Die Geschenke sollen ja überraschen, meint die Sollner Mama. „Zu viel wird online gekauft“, beklagt Nigel Holmes.
Alle sind traurig
Seit Mittwoch, 6. Mai, ist in der Wolfratshauser Straße 207 Räumungsverkauf: Der Andrang ist enorm. Der Parkplatz steht mit Autos und Fahrrädern voll. An der Kasse ist kurz nach 9 Uhr morgens bereits eine Schlange. Bis zu 90 Prozent Rabatt gibt es auf das Sortiment, 20 Prozent auf Lego. Eine Mutter aus Solln bezahlt ein rosa Federmäppchen und Bleistifte mit dem aufgedruckten Einmaleins für ihre neunjährige Tochter: „Alle sind traurig. Dieser Laden ist so nett, eine Institution im Stadtviertel. Hier treffe ich auch andere Mamis“, sagt sie. „Bald muss ich extra zum Obletter am Stachus fahren, wenn ich Spielsachen suche!“ Von Mittwoch bis Samstag ist der Laden für den Abverkauf von 9 bis 18.30 Uhr geöffnet. Eine ältere Sollnerin kauft eine kleine Packung „Lego City“ und ein Puppenhaus. Sie meint: „Solln ist ja etwas abgelegen. Meine Enkel konnten sich hier immer ihr ganzes Schulmaterial selber einkaufen. Dieser Familienort wird uns sehr fehlen!“
Unser Keller ist noch voll
Inhaber Nigel Holmes hatte ein Motto: „Wir haben alles, was sie brauchen – und was wir nicht haben, brauchen Sie auch nicht“, steht launig auf einem Schild neben der Eingangstür. Kunden loben, dass sie hier „ungewöhnliche“ Dinge finden konnten, sei es das hochwertige Ostheimer Holzspielzeug oder ein Jugend-Set für Pfeil und Bogen. Für die Kindergeburtstage in Solln gab es hier glänzende Heliumballons und den beliebten Service mit „Geburtstagskisten“. Nigel Holmes hatte die „Spielzeugkiste“ zehn Jahre gepachtet. Er verpackt gerade einen Taschenrechner und anderen Schulbedarf in eine pinke Barbie-Tüte – und meint zum Abschied: „Unser Keller ist noch voll, wir leeren den Laden, bis alles weg ist. Was ich in Zukunft arbeite, weiß ich nicht. Vielleicht beginne ich wieder zu programmieren.“



