Staatsanwältin stellt sich nach drei Jahrzehnten ihrem Stiefvater vor Gericht
Dreißig Jahre lang hat sie geschwiegen, doch die Erinnerungen ließen sie nie los: Eine Staatsanwältin hat in Leipzig ihren eigenen Stiefvater angezeigt, der sie in ihrer Kindheit wiederholt vergewaltigt haben soll. Am Mittwoch stand die heute 42-Jährige dem 66-jährigen Angeklagten im Landgericht Leipzig gegenüber – nicht nur als Zeugin, sondern auch als Nebenklägerin in dem emotional aufgeladenen Verfahren.
Jahrelanger Missbrauch in den 1990er Jahren
Die Frau schilderte vor Gericht detailliert, wie der Metallbau-Unternehmer aus dem Muldental in Sachsen sie in den 1990er Jahren in seinem Eigenheim über einen längeren Zeitraum sexuell missbraucht habe. Als sie in der fünften Klasse war, habe sich Frank S. etwa zwei Mal pro Woche nachts in ihr Bett geschlichen. Besonders erschütternd: Teils soll dies sogar mit dem Wissen ihrer Mutter geschehen sein, wie aus den Aussagen hervorgeht.
Aggressionen und jahrzehntelanges Schweigen
Später, als das Mädchen ihren ersten Freund hatte, sei der Mann zudem aggressiv geworden. Die Staatsanwältin berichtete dem Gericht von gewaltsamen Schlägen ins Gesicht. „Um den Familienfrieden nicht zu gefährden, habe ich bis heute geschwiegen“, erklärte sie in ihrer emotionalen Zeugenaussage. Dieses Schweigen dauerte fast drei Jahrzehnte an, bis ein entscheidender Vorfall alles veränderte.
Die eigenen Töchter als Auslöser für die Anzeige
Im Jahr 2022 offenbarten ihre eigenen Töchter, dass sich der heute 66-Jährige auch ihnen unsittlich genähert haben soll. Erst dieser schockierende Moment gab der Juristin den endgültigen Mut, die langjährige Straftat anzuzeigen. Die Aussagen ihrer Kinder wurden zum entscheidenden Wendepunkt, der sie dazu brachte, ihre berufliche Position als Staatsanwältin mit ihrer persönlichen Geschichte zu konfrontieren.
Der Prozess und das Schweigen des Angeklagten
Im aktuellen Verfahren vor dem Landgericht Leipzig schwieg der Angeklagte zunächst zu den schwerwiegenden Vorwürfen. Der Prozess wird fortgesetzt, während die Nebenklägerin weiterhin als Zeugin aussagt. Die besondere Konstellation – eine Staatsanwältin, die ihren eigenen Stiefvater anzeigt – macht diesen Fall zu einem außergewöhnlichen Justizereignis, das tiefe Einblicke in die Mechanismen von familiärem Missbrauch und späten Aufarbeitungen gewährt.



