Ein Jahr nach dem tödlichen Anschlag: Gedenken und Prozess in München
Ein Jahr nach dem verheerenden Anschlag auf eine friedliche Gewerkschaftsdemonstration in München wird am Tatort der Opfer gedacht. Zugleich findet nur wenige hundert Meter entfernt der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter statt, der das Land erschütterte.
Die tödliche Tat und ihre Folgen
Am 11. Februar 2025 raste ein weißer Kleinwagen während einer Demonstration der Gewerkschaft Verdi mitten in München in die Menschenmenge. Das Fahrzeug erfasste als erste die zweijährige Hafsa im Kinderwagen und ihre Mutter Amel. Beide wurden durch die Luft geschleudert und erlitten so schwere Verletzungen, dass sie wenige Tage später ihren Verletzungen erlagen. Insgesamt wurden 44 weitere Personen verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. Der mutmaßliche Fahrer, ein 25-jähriger afghanischer Staatsbürger, wurde noch am Tatort festgenommen.
Gedenkveranstaltung zum Jahrestag
Zum ersten Jahrestag haben die Stadt München und die Gewerkschaft Verdi zu einer bewegenden Gedenkveranstaltung am Tatort eingeladen. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sowie Gewerkschaftsvertreter werden dabei sprechen. Laut Verdi handelte es sich um den schwersten Angriff auf eine gewerkschaftliche Veranstaltung in der gesamten Nachkriegsgeschichte Deutschlands.
"Das Leid und die Folgen des Anschlags begleiten unsere Stadt bis heute – am Jahrestag werden Schmerz und Erinnerung besonders spürbar", erklärte Oberbürgermeister Reiter. Zu der Gedenkveranstaltung werden auch Überlebende und ehemalige Demonstrationsteilnehmer erwartet, obwohl einige bewusst fernbleiben, da die emotionale Belastung für sie noch immer zu groß ist.
Laufender Prozess am Oberlandesgericht
Nur etwa 500 Meter vom Tatort entfernt verhandelt seit Mitte Januar das Oberlandesgericht München gegen den mutmaßlichen Attentäter. Die Bundesanwaltschaft geht von islamistischem Terrorismus als Motiv aus und hat den Mann, der 2016 nach Deutschland eingereist war, unter anderem wegen zweifachen Mordes und versuchten Mordes in 44 Fällen angeklagt.
Interessanterweise plant das Gericht, auch am Jahrestag zu verhandeln, allerdings ohne Betroffene als Zeugen zu laden. Damit soll diesen die Möglichkeit gegeben werden, an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Viele Überlebende und Angehörige der Getöteten sind im Prozess als Nebenkläger vertreten, doch oft bleiben ihre Plätze im Gerichtssaal leer.
Anhaltendes Leiden der Betroffenen
Die physischen und psychischen Folgen der Tat belasten die Betroffenen weiterhin schwer. Einige der Verletzten sind bis heute nicht in der Lage, ihrer Arbeit nachzugehen, wie der Berliner Nebenklageanwalt Onur Özata berichtet. Sein Kollege David Mühlberger, der acht Überlebende vertritt, bestätigt: "Denen geht es allesamt nicht gut." Viele der Betroffenen befinden sich noch immer in psychologischer Behandlung.
Die tiefe Traumatisierung zeigt sich auch darin, dass selbst ein Jahr nach der Tat viele Betroffene nicht über ihre Erlebnisse sprechen möchten. Als die Gewerkschaft Verdi für eine interne Dokumentation nach Zeitzeugen suchte, die vor der Kamera über die Ereignisse berichten könnten, fand sich niemand bereit dazu.
Gesellschaftliche Auswirkungen und Sicherheitsdebatten
Der Anschlag hat das gesellschaftliche Leben in München nachhaltig verändert. Die Stadt richtete kurz nach der Tat einen Hilfsfonds in Höhe von 500.000 Euro ein, um Opfer und Angehörige zu unterstützen. Seit November des vergangenen Jahres erinnert am Flaucher an der Isar eine Bank mit Gedenktafel an Amel und ihre zweijährige Tochter Hafsa.
Sicherheitspolitisch löste die Tat intensive Debatten über Prävention, Radikalisierung und Sicherheit im öffentlichen Raum aus. Die Münchner Polizei verschärfte daraufhin ihre Sicherheitskonzepte für Demonstrationen, Straßenfestivals und andere Großveranstaltungen. Für jede Veranstaltung wird nun individuell geprüft, welche Schutzmaßnahmen erforderlich sind.
Details zum mutmaßlichen Täter und Tatablauf
Der mutmaßliche Täter soll während der Tat "Allahu Akbar" gerufen und unmittelbar nach dem Anschlag gebetet haben. Zum Prozessauftakt schwieg er, zeigte jedoch für die Kameras den rechten Zeigefinger – eine Geste, die unter Muslimen den Glauben an den einen Gott symbolisiert, aber auch von Islamisten verwendet wird.
Ermittlungen zufolge soll der Mann nach dem ersten Aufprall noch mehr als 20 Meter weitergefahren sein. Erst die unter seinem Fahrzeug liegenden Opfer brachten das Auto zum Stehen. "Das zeigt den absoluten Vernichtungswillen des Täters, der versucht hat, so viele Menschen wie möglich zu treffen", analysiert Nebenklageanwalt Özata. Während der oft grauenhaften Zeugenaussagen im Prozess zeige der Angeklagte keinerlei emotionale Reaktion.
Am Jahrestag selbst wird im Gerichtssaal ein Verkehrsanalytiker sein Gutachten vorstellen, während gleichzeitig am Tatort der Opfer gedacht wird – eine räumliche und emotionale Nähe, die die Tragödie dieses Verbrechens besonders deutlich macht.



