US-Archiv stellt 16 Millionen NS-Dokumente online: Recherche zur Familiengeschichte möglich
Berlin/Washington – Wie tief reichen die historischen Verstrickungen der eigenen Familie? Das US-Nationalarchiv hat jetzt einen monumentalen Datenschatz von 16 Millionen Dokumenten aus der Zeit des Nationalsozialismus veröffentlicht. Darunter befinden sich riesige Bestände an digitalisierten Mitgliedskarten der NSDAP, die nun öffentlich zugänglich sind. Mehr als acht Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eröffnet sich damit für historisch Interessierte die Möglichkeit, in der eigenen Familiengeschichte zu forschen und herauszufinden, ob der Großvater oder Urgroßvater zu den Anhängern Adolf Hitlers gehörte.
Digitalisierte Mikrofilme mit Millionen von Einträgen
Der umfangreiche Datenbestand umfasst vor allem fotografische Aufnahmen, die von mehr als 5.000 Mikrofilmrollen digital übertragen wurden. Damit sind nun Millionen von Deutschen dokumentiert, die bis zum Jahr 1945 Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei waren. Laut Angaben des Deutschen Historischen Museums war im Jahr 1945 statistisch gesehen jeder fünfte erwachsene Deutsche Parteigenosse – das entsprach insgesamt etwa 8,5 Millionen Menschen, die damit zumindest formal das Unrechtssystem des Nationalsozialismus unterstützten.
Parallel dazu bietet auch das Bundesarchiv in Berlin ein digitales Archiv zur NS-Zeit an. Allerdings unterliegt die Nutzung der deutschen Datenbank aus rechtlichen Gründen deutlich strengeren Beschränkungen und ist nicht so umfassend öffentlich zugänglich wie die amerikanische Sammlung.
Detailreiche Mitgliedskarten und Zentralkartei mit NS-Führungspersonal
Die US-amerikanische Sammlung beinhaltet unter anderem etwa 6,6 Millionen Mitgliedskarten, die detaillierte persönliche Angaben wie vollständige Namen, genaue Geburtsdaten, ausgeübte Berufe, genaue Parteieintrittsdaten und konkrete Wohnorte enthalten. Ergänzt wird dieser Bestand durch die sogenannte Zentralkartei mit ungefähr 4,3 Millionen Karteikarten, die zwischen 1929 und 1943 angelegt wurden.
Besonders bemerkenswert ist, dass in dieser Zentralkartei auch führende Nationalsozialisten wie der Diktator Adolf Hitler, der Reichsführer-SS Heinrich Himmler und der Stellvertreter Hitlers Rudolf Heß erfasst sind. Zusätzlich umfasst die Veröffentlichung mehr als 200.000 ausgefüllte Fragebögen von NSDAP-Mitgliedern aus dem Großraum Berlin sowie umfangreiches Material zu angeschlossenen Organisationen wie dem Nationalsozialistischen Lehrerbund oder der Reichsärztekammer.
Widerstand gegen Vernichtungsbefehl rettete historische Dokumente
Die vollständige digitale Veröffentlichung dieser historisch bedeutsamen Dokumente ist letztlich dem mutigen Widerstand eines bayerischen Papierfabrik-Chefs zu verdanken. Hanns Huber erhielt kurz vor Kriegsende den direkten Befehl, insgesamt 65 Tonnen Papierakten und Karteikarten einzustampfen und damit zu vernichten. Doch er widersetzte sich dieser Anordnung entschieden und rettete das umfangreiche Beweismaterial vor der sicheren Zerstörung.
Im Herbst des Jahres 1945 wurde die US-Militärregierung auf die aufgetürmten Karten und Akten in der Papierfabrik aufmerksam und übernahm das Material. Es wurde anschließend im neu eingerichteten Berlin Document Center untergebracht, wo es archiviert und für spätere Forschungszwecke gesichert wurde.
Komplexe Recherche trotz umfassender Digitalisierung
Obwohl nun sämtliche Dokumente in digitalisierter Form vorliegen, gestaltet sich die konkrete Recherche für Familienhistoriker nicht ganz einfach. Zwar lassen sich Suchergebnisse bereits durch verschiedene Kriterien eingrenzen, doch selbst bei einem genauen Treffer beginnt die eigentliche Arbeit oft erst dann. Hinter einem Fund verbergen sich regelmäßig mehrere tausend Seiten digitalisierten Mikrofilms, die sorgfältig ausgewertet werden müssen.
Der Historiker Martin Winter von der Universität Leipzig betonte deshalb, dass der Prozess der systematischen Durcharbeitung deutlich langwieriger und komplexer sei, als viele Laien zunächst vermuten würden. Die digitale Verfügbarkeit erleichtere zwar den Zugang, ersetze aber nicht die notwendige quellenkritische Analyse und historische Einordnung der Dokumente.



