Als Sarah Engels für den Eurovision Song Contest (ESC) nominiert wurde, reagierten viele mit Skepsis. Doch diese Haltung offenbart vor allem Vorurteile gegenüber einer Frau, die bereits Erstaunliches erreicht hat.
Vom Casting-Star zur ernstzunehmenden Künstlerin
Wer Sarah Engels sucht, findet sie meist in perfekt inszenierten Instagram-Storys zwischen Familienidyll und geschickt platzierten Werbebotschaften. Als die Sängerin vor etwa fünf Jahren ihre Verlobung mit Julian bekannt gab, bewarb sie kurz zuvor noch Sportbekleidung. Das macht es leicht, sie als reine Lifestyle-Figur abzutun – zumal in Deutschland die Ablehnung von allem, was aus dem Casting-Kosmos stammt, weit verbreitet ist.
Doch dieser Blick auf die Kölnerin, die 2011 durch „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) bekannt wurde, könnte verzerrt sein. Und vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, genauer hinzusehen: Am 16. Mai vertritt sie Deutschland beim ESC in Wien. Wer ist diese Frau?
„Ich bin wahrscheinlich das perfekte Beispiel dafür, eben nicht perfekt zu sein“, sagt Engels im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Ich bin keine perfekte Mutter und keine perfekte Ehefrau – aber ich bin jemand, der immer wieder aufsteht.“
Vom Boulevard zurück zur Bühne
Ihre Karriere begann unter Vorzeichen, die nicht auf eine lange Verweildauer im deutschen Unterhaltungsgeschäft hindeuteten. 2011 erreichte sie das DSDS-Finale, doch ihr Auftritt wurde von einer Beziehungsgeschichte überschattet: Sie und Pietro Lombardi hatten sich während der Show verliebt. Im Finale wurden sie wie ein Hochzeitspaar inszeniert – ein Fiebertraum des Casting-Fernsehens. Es folgten Heirat, Kind und eine öffentlich ausgetragene Trennung. Der Name ihres Sohnes Alessio wurde zum Meme der 2010er-Jahre („Hauptsache Alessio geht's gut“).
Wer so etwas erlebt, taucht normalerweise nur noch in Klatschspalten auf, nicht mehr auf Konzertbühnen. Doch Sarah Engels – die den Nachnamen Lombardi wieder ablegte – eroberte sich die Deutungshoheit über ihre Karriere zurück. In den Folgejahren bewies sie Talent und Disziplin: Sie tanzte bei „Let's Dance“, lief bei „Dancing on Ice“ Schlittschuh und gewann „Das große Promibacken“ mit einer „fulminanten, zweistöckigen Löwen-Torte“. Als sie 2020 „The Masked Singer“ gewann, war ein häufiger Kommentar: „Wow, ich wusste nicht, dass sie so gut singen kann.“
Der ESC als Bewährungsprobe
Heute ist Engels auch Schauspielerin („Das Traumschiff“, „Die Tänzerin und der Gangster“), Musical-Hauptdarstellerin („Moulin Rouge!“) und hat auf Instagram rund 1,8 Millionen Follower. Kurz gesagt: Sie wird oft als „Promi“ belächelt, während sie faktisch ein kleines Entertainment-Imperium betreibt.
Eine Stütze war stets ihre Mutter, die ihr trotz mangelnder Branchenkenntnis ständig Tipps gibt. „Dann sagt sie Sachen wie: 'Sarah, sing doch mal auf Italienisch!' Oder wenn ihr eine Schlagzeile nicht passt, will sie sofort zum Hörer greifen“, erzählt Engels. „Das ist einfach dieser pure Mama-Instinkt.“
Doch auch Missgeschicke bleiben nicht aus. Kürzlich musste sich Engels zu einem Video äußern, in dem sie mit Kindern in Südafrika sang. Kritisiert wurde, dass sie die Kinder für ihren Content instrumentalisiere. Engels erklärte, sie habe gute Absichten gehabt, verstehe aber die Sensibilität. Sie sei im Rahmen ihrer Stiftung vor Ort, die Frauen und Mädchen stärken will. Das Video nahm sie offline.
Zu glatt, um glaubwürdig zu sein?
In diesem Moment spürte sie vielleicht die neue Wucht der ESC-Nominierung. Skeptiker gibt es viele – gerade wegen ihrer perfekt kontrollierten Auftritte. Wo hört Perfektion auf, wo fängt Beliebigkeit an? Auch ihr ESC-Lied „Fire“ ist eine choreografierte Tanznummer mit feministischer Botschaft – genau das, was im Pop-Business gerade angesagt ist. „Wir Frauen werden oft dazu erzogen, leise zu sein und uns anzupassen“, betont Engels. „Mein Song sagt das Gegenteil: Wir dürfen laut sein, wir dürfen brennen, und wir müssen uns nicht verstellen.“
Der ESC ist der vorläufige Höhepunkt ihrer Karriere. „Wenn ich an die kleine Sarah denke, die mit drei Jahren mit ihrem Spielzeug-Mikro im Zimmer stand – die hätte niemals geglaubt, dass sie mal für Deutschland beim ESC dabei sein darf“, gesteht sie.
Vieles wird von ihrem Abschneiden abhängen. Sicher ist: Jeder Ton und jede Bewegung werden perfekt sitzen. Für Sarah Engels könnte dies der Moment sein, in dem ihre lange unterschätzte Karriere eine neue Erzählung bekommt.



