Historischer Prozess in Los Angeles: Social-Media-Riesen wegen Suchtvorwürfen angeklagt
In einem beispiellosen Gerichtsverfahren in Los Angeles müssen Geschworene entscheiden, ob führende Social-Media-Plattformen absichtlich so gestaltet wurden, dass sie bei jungen Nutzern Abhängigkeiten erzeugen. Die 20-jährige Klägerin, die unter den Initialen KGM auftritt, wirft Instagram und Youtube vor, durch ihr Plattformdesign ihre Kindheit ruiniert und zu schweren psychischen Problemen geführt zu haben.
Die Vorwürfe der Klägerin: Gestaltete Abhängigkeit
KGM begann bereits im Alter von sechs Jahren mit der Nutzung von Youtube-Videos, gefolgt von Instagram, Snapchat und Tiktok – Jahre vor den eigentlich vorgeschriebenen Altersgrenzen. Ihr zentraler Vorwurf lautet: Die Plattformen seien bewusst als „Fallen“ für junge Nutzer konstruiert worden, mit Funktionen wie dem endlosen Scrollen, das mit minimaler Fingerbewegung immer neuen Content liefert. Diese Mechanismen hätten bei ihr zu Depressionen, Angstzuständen und massiver Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Körper geführt.
„Die ausufernde und problematische Social-Media-Nutzung hat den Verlauf ihrer Kindheit fundamental verändert“, betonte ihr Anwalt Joseph VanZandt während der Anhörungen. KGM selbst verwies auf spezifische Plattformfunktionen: Instagram-Filter, die das Aussehen von Menschen verändern, hätten zu Körperunzufriedenheit geführt. Als einmal ein unbearbeitetes Bild von ihr gepostet wurde, reagierte sie panisch. Algorithmen hätten ihr zudem gefährliche Ratschläge wie „nur eine Gurke pro Tag essen“ zur Gewichtsreduktion präsentiert.
Rechtliche Dimension: Ein Präzedenzfall mit weitreichenden Folgen
Der Prozess in Los Angeles stellt einen juristischen Testfall dar, der über das Einzelschicksal von KGM hinausweist. In den USA warten hunderte vergleichbare Klagen auf ihre Verhandlung, und der Ausgang dieses Verfahrens könnte die Erfolgsaussichten aller folgenden Prozesse maßgeblich beeinflussen. Juristische Experten ziehen bereits Parallelen zu den historischen Tabakprozessen, in denen Unternehmen vorgeworfen wurde, die Suchtgefahr ihrer Produkte bewusst verschwiegen zu haben.
Besonders bedeutsam ist die Entscheidung von Richterin Carolyn Kuhl, die eine Abweisung der Klage durch die Plattformen verweigerte. Obwohl Social-Media-Dienste in den USA durch die sogenannte Section 230 weitgehend vor Haftung für nutzergenerierte Inhalte geschützt sind, argumentierte die Richterin: „Das bedeutet nicht, dass es keine Haftung für Schäden geben kann, die auf das Design der Plattformfunktionen zurückgehen.“ Im konkreten Fall sah sie Hinweise darauf, dass Instagram-Funktionen KGM zu zwanghaftem Videokonsum verleitet hätten.
Die Verteidigungsstrategien der Tech-Giganten
Die betroffenen Unternehmen gehen unterschiedlich mit den Vorwürfen um. Während Snapchat und Tiktok kurz vor Prozessbeginn einen Vergleich mit der Klägerin eingingen, wollen Instagram (als Teil von Meta) und Youtube die Anschuldigungen vor Gericht ausfechten. Meta-Chef Mark Zuckerberg wurde als Zeuge geladen, und Instagram-Chef Adam Mosseri bestritt bereits, dass Social-Media-Plattformen klinisch süchtig machen könnten.
Die Verteidigung von Meta argumentiert, dass KGM bereits lange vor ihrer Social-Media-Nutzung mit erheblichen persönlichen Herausforderungen konfrontiert war, darunter familiäre Probleme und Misshandlungen. Zudem verweisen die Anwälte darauf, dass bei der Klägerin nie eine offizielle Social-Media-Sucht diagnostiziert wurde. Ein Youtube-Anwalt versuchte sogar, die Plattform aus der Kategorie sozialer Medien herauszunehmen, indem er sie eher mit Streaming-Diensten wie Disney+ oder Netflix verglich.
Internationale Dimension: Ähnliche Vorwürfe in Europa und Australien
Während in den USA dieser Präzedenzfall verhandelt wird, stehen Social-Media-Plattformen auch international unter Druck. Die EU-Kommission hat vorläufige Untersuchungsergebnisse zu Tiktok vorgelegt, die suchtfördernde Mechanismen wie stark personalisierte Empfehlungen und automatisches Video-Abspielen beanstanden. Die Kommission stellte fest, dass die Plattformgestaltung Nutzer ständig mit neuen Inhalten „belohne“ und dadurch den Drang zum Weiter-scrollen systematisch fördere.
In Australien ging die Regierung noch einen Schritt weiter und führte Mitte Dezember ein striktes Social-Media-Verbot für alle unter 16-Jährigen ein. Diese internationalen Entwicklungen unterstreichen die globale Dimension der Debatte um die Verantwortung von Social-Media-Plattformen für die psychische Gesundheit junger Nutzer.
Der Ausgang des Los-Angeles-Prozesses wird nicht nur über die individuelle Entschädigung für KGM entscheiden, sondern könnte die rechtliche Landschaft für Social-Media-Unternehmen weltweit neu definieren. Sollten die Geschworenen die Klägerin unterstützen, würde dies die Tür für hunderte weiterer Klagen öffnen und die Tech-Giganten zu grundlegenden Änderungen ihres Plattformdesigns zwingen.



