Hallesche Kirchenmusik-Hochschule feiert 100-jähriges Bestehen
Die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik (EHK) in Halle begeht in diesem Jahr ihr 100. Jubiläum. Als deutschlandweit älteste und größte Einrichtung ihrer Art bildet sie Musikerinnen und Musiker aus, die nicht nur in Gottesdiensten, sondern auch in der Gesellschaft wirken wollen. Für Absolventen wie Benjamin Leins und Josefine Beyrich bedeutet Kirchenmusik oft weit mehr als nur Musik – es ist eine Brücke zu Menschen, die mit Kirche wenig am Hut haben.
Zwischen Berufung und Einsamkeit: Der Alltag eines Kirchenmusikers
Benjamin Leins, 38 Jahre alt und in Bernburg tätig, beschreibt seine Arbeit manchmal als einsam. „Ich fühle mich wie ein UFO, das mitten in Sachsen-Anhalt gelandet ist“, sagt er. Seine Aufgabe sei herausfordernd, da er versuche, auch jene zu erreichen, die sich nicht für Gott oder Glauben interessieren. Dennoch empfindet er seine Tätigkeit als bereichernd und sinnstiftend.
Leins absolvierte sein Studium an der EHK in Halle, wo er neun Jahre verbrachte. Die Ausbildung umfasste Orgelspiel, Chorleitung, Gesang sowie theologische und musikwissenschaftliche Grundlagen. „Das Kirchenmusikstudium in Halle war für mich die Antwort auf die Frage nach Heimat“, erzählt er. Vorher lebte er in verschiedenen Ländern, studierte Klavier und arbeitete als Klavierlehrer in Eisenach.
Eine große Familie: Die Gemeinschaft an der Hochschule
Seit ihrer Gründung 1926 in Aschersleben – der Umzug nach Halle erfolgte 1939 – haben rund 1.900 Menschen an der Hochschule studiert. Heute ist sie staatlich anerkannt und wird von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland getragen. Zum Jubiläum ist ein großes Familientreffen geplant, das die enge Verbundenheit unterstreicht. „Hier ist es wie ein gemeinsames Auf- und Zusammenwachsen“, betont Leins.
Die Hochschule bietet mittlerweile auch zwei gemeinsame Studiengänge mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg an, die Lehramt und Kirchenmusik verbinden. Dies erweitert die Berufsperspektiven für die Studierenden.
Verkündigung durch Musik: Die Motivation der Studierenden
Josefine Beyrich, 23 Jahre alt und kurz vor dem Bachelorabschluss, stammt aus einem Pfarrhaushalt auf Usedom. Für sie ist Musik der „sinnvollste Weg der Verkündigung“. „Ich finde, man kann nur eine gute Kirchenmusikerin sein, wenn man Kirche und ihre Inhalte versteht und sich darin verorten kann“, erklärt sie. Sie plant, nach dem Bachelor einen Master in Chorleitung anzuschließen.
Beyrich weiß aus ihrer Kindheit, wie Kirche in kleinen Städten funktioniert. In großen Städten sei das Angebot vielfältiger, aber die Hürden zum Mitmachen oft höher. Hier sehen sie und Leins eine zentrale Aufgabe für Kirchenmusiker: Sie gestalten nicht nur Gottesdienste, sondern wirken auch im sozialen Bereich.
Mehr als Musiker: Sozialarbeit und Seelsorge
„Wir sind professionelle Musiker, die manchmal auch irgendwie als Sozialarbeiter vor Ort arbeiten“, sagt Leins. Immer wieder wenden sich Menschen in Trauer oder Not an ihn, obwohl viele nicht gläubig sind. Diese Rolle erfordere Feingefühl und Engagement über die Musik hinaus.
Die Jobaussichten für Absolventen seien gut, mit „sehr, sehr vielen“ offenen Stellen im ganzen Land, so Beyrich. Allerdings müsse man flexibel sein: „Man darf sich in dem Beruf nicht so sehr regional gebunden fühlen“, rät Leins. In der Vergangenheit seien viele Absolventen in der Region um Halle untergekommen, es gebe aber auch Stellen, die Kompromisse erfordern.
Herausforderungen und Zuversicht in Zeiten des Wandels
Durch Stellenstreichungen und Umstrukturierungen werde die Arbeit mancherorts unattraktiver, befürchtet Beyrich. „Ich mache mir schon Sorgen darüber, wie viel unattraktiver die Arbeit in Zukunft durch diesen Transformationsprozess wird“. Dennoch gibt es positive Signale: Landesbischof Friedrich Kramer betonte zum Jubiläum, dass Glaube ohne Musik nicht denkbar sei.
„Das fühlt sich gut an“, sagt Beyrich mit einem Lächeln. Trotz sinkender Kirchenmitgliederzahlen hat sie keine Angst um ihre Zukunft. Die Wertschätzung der Kirche für die Musik und ihre Macher gibt ihr Zuversicht. Die Hallesche Hochschule bleibt damit ein wichtiger Ort, der Kirchenmusiker ausbildet, die in einer sich wandelnden Gesellschaft Brücken bauen – zwischen Glaube, Musik und menschlicher Begegnung.



