Überraschender Appell europäischer Bischöfe: Christen sollen für Europas Seele kämpfen
Normalerweise überlassen die Bischöfe internationale Politikdebatten dem Papst in Rom. Doch kurz vor Beginn der Münchner Sicherheitskonferenz haben vier einflussreiche katholische Bischofskonferenzen eine bemerkenswerte Ausnahme gemacht und sich mit einem flammenden Aufruf zu Wort gemeldet.
Gemeinsamer Brandbrief aus Italien, Frankreich, Deutschland und Polen
Die Oberhirten aus Italien, Frankreich, Deutschland und Polen – die zusammen einen Großteil der Katholiken in der Europäischen Union vertreten – veröffentlichten ein gemeinsames Schreiben, in dem sie Christen auffordern, für Europa zu kämpfen. „Die Welt braucht Europa. Das ist die Dringlichkeit, die die Christen verinnerlichen müssen“, heißt es in dem beispiellosen Dokument.
Die Bischöfe betonen jedoch ausdrücklich, dass es sich nicht um einen militärischen Kampf handelt. Stattdessen gehe es darum, „Europa wieder eine Seele zu geben“ und die ursprüngliche Vision der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft wiederzubeleben.
Kritik am aktuellen Zustand und Mahnung zu Dialog
In ihrer schonungslosen Bestandsaufnahme kritisieren die Kirchenführer den gegenwärtigen Zustand des Kontinents. „Ein internationaler Rahmen stirbt und ein neuer ist noch nicht geboren“, schreiben sie mit Blick auf zunehmende Konflikte, insbesondere den Krieg in der Ukraine.
Die Bischöfe fordern Europa auf, „immer bereit zu sein, den Dialog auch im Konfliktfall wieder aufzunehmen und Versöhnung und Frieden anzustreben“. Europa müsse nach Bündnissen suchen, die echte Solidarität zwischen den Völkern ermöglichen.
Rückbesinnung auf die Gründerväter und ihre Vision
In ihrem Schreiben zitieren die Bischöfe ausdrücklich die Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft, die eine Antwort auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs suchten. Besonders hervorgehoben werden:
- Konrad Adenauer mit seiner Aussage: „Die Europäische Gemeinschaft verfolgt ausschließlich friedliche Ziele und richtet sich gegen niemanden“
- Alcide De Gasperi mit seiner Warnung: „Ein vereintes Europa wird nicht gegen die Heimatländer geboren, sondern gegen die Nationalismen, die sie zerstört haben“
- Robert Schuman als weiterer wichtiger Architekt
Die Bischöfe betonen, dass diese Männer „keine naiven Träumer, sondern die Architekten eines großartigen, aber zerbrechlichen Gebäudes“ gewesen seien.
Sorge um schwindende christliche Wertebasis
Offensichtlich treibt die Kirchenführer auch die Sorge um, dass die christliche Wertebasis in der europäischen Politik kaum noch erkennbar ist – trotz des „Götterfunkens“ in der Europahymne. „Europa darf sich nicht allein auf einen Wirtschafts- und Finanzmarkt reduzieren“, mahnen sie.
Die Unterzeichner – Kardinal Jean-Marc Aveline, Kardinal Matteo Maria Zuppi (nach Informationen der Initiator), Erzbischof Tadeusz Wojda und der deutsche Bischofsvorsitzende Georg Bätzing – rufen die Christen Europas auf: Auch wenn sie heute „weniger zahlreich sind“, seien sie in dieser historischen Epoche „eingeladen, ihre Hoffnung auf eine universelle Brüderlichkeit zu teilen“.
Der überraschende Appell kommt zu einem Zeitpunkt, an dem nicht nur Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, sondern viele europäische Politiker die Sorge vor einem Zerfall der Europäischen Union umtreibt. Die Bischöfe positionieren sich damit deutlich als moralische Stimme in der europäischen Debatte.



