Heilige Konkurrenz in Assisi: Franziskus-Gebeine erstmals öffentlich ausgestellt
Die umbrische Stadt Assisi mit ihren 27.500 Einwohnern beherbergt nicht weniger als fünf Heilige: Franz von Assisi, Klara, Agnes, Rufinus – alle aus Assisi – sowie den jüngst heiliggesprochenen Carlo Acutis. Statistisch gesehen ergibt das einen Heiligen pro 5.500 Einwohner. In keiner anderen Stadt der Welt liegen pro Kopf der Bevölkerung mehr Heilige begraben als in diesen Hügeln Umbriens, nicht einmal im nur zwei Autostunden entfernten Rom.
Historische Ausstellung nach 800 Jahren
Allerdings stimmt der Begriff "begraben" nicht ganz – und wird nun für einen ganzen Monat noch weniger zutreffen. 800 Jahre nach seinem Tod werden die Gebeine des Heiligen Franziskus erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Seine Knochen, die nach all den Jahrhunderten und durch die Feuchtigkeit porös und etwas geschwärzt sind, werden an diesem Wochenende feierlich aus der Krypta der Basilika San Francesco nach oben gebracht.
Der Gründer des Franziskanerordens (1181/82-1226) tritt damit gewissermaßen in direkte Konkurrenz zum neuesten Heiligen der katholischen Glaubensgemeinschaft. Denn nur wenige Hundert Meter von der Basilika entfernt, in der Wallfahrtskirche Santa Maria Maggiore, ruht ebenfalls im Tageslicht Carlo Acutis. Der Leichnam des Italieners, der 2006 mit nur 15 Jahren an Leukämie verstarb, liegt in einem Sarkophag mit Glasscheibe, durch die Besucher hineinsehen können.
Der "Internet-Heilige" als Attraktion
Seit seiner Heiligsprechung durch Papst Leo XIV. im vergangenen Jahr ist Acutis weltweit als erster "Internet-Heiliger" bekannt. Von den mehr als 3,5 Millionen Besuchern, die jährlich nach Assisi pilgern, zieht die Mehrzahl nun auch bei ihm vorbei. Besonders viele Schulklassen besichtigen die Stätte: Der Blick auf den toten Teenager in Jeans und Turnschuhen verspricht einen gewissen Gruselfaktor, auch wenn Gesicht und Hände mit Silikon nachmodelliert wurden.
In Assisi, wo man mit dem Devotionalienhandel große Erfahrung hat, werden inzwischen ähnlich viele Acutis-Souvenirs verkauft wie Erinnerungsstücke an den Heiligen Franziskus. Das Geschäft mit Holzfiguren, Bildern und Rosenkränzen (vor allem Franziskus), aber auch mit Jutebeuteln, T-Shirts und Kühlschrankmagneten (vor allem Carlo), läuft offensichtlich ausgezeichnet. Die Souvenirshops reihen sich dicht an dicht in den Straßen der Stadt.
Massiver Besucherandrang erwartet
Bis Mitte März, solange die Gebeine des Heiligen Franziskus in seiner Kirche ausgestellt sind, wird das Gedränge in Assisis Gassen noch deutlich zunehmen. Auf der Internetseite "San Francesco vive" ("Der Heilige Franziskus lebt"), wo ein Zeitfenster für den Besuch gebucht werden muss, haben sich bereits 400.000 Besucher angemeldet. Auch organisierte Pilgerfahrten ("Neun Tage, mit Papstaudienz in Rom, einfaches Mittelklassehotel, ab 1.598 Euro") werden umfangreich angeboten.
Jahrhundertelang versteckt gehalten
Unter den katholischen Heiligen zählt Franziskus zu den bekanntesten – nicht erst, seit der vergangenes Jahr verstorbene Papst Franziskus seinen Namen übernahm. Der Sohn eines reichen Tuchhändlers aus Assisi sagte sich zu Beginn des 13. Jahrhunderts mit Anfang 20 von seiner Familie los, verschrieb sich vollständig dem Glauben und führte ein Leben in absoluter Armut. Kurz nach seinem Tod mit Mitte 40 wurde er heiliggesprochen.
Sein Leichnam wurde an einem versteckten Ort tief in die Erde eingelassen, auch aus Angst vor Grabräubern. Dort blieb er fast sechs Jahrhunderte lang unberührt. Erst 1818 erteilte Papst Pius VII. den Franziskanern die Erlaubnis, das Grab freizulegen. Für den Sarkophag baute man in der Unterkirche der Basilika eigens eine neue Krypta. Seither wurden die Knochen mehrfach wissenschaftlich untersucht und auf Echtheit geprüft, zuletzt im Jahr 2015.
Reliquienkult bleibt lebendig
Nun werden die Reliquien erstmals der Allgemeinheit präsentiert. Begründet wird dieser Schritt damit, dass Gläubigen zum 800. Todestag ein "unmittelbares, sinnliches Erlebnis" ermöglicht werden soll. Trotz aller Säkularisierungstendenzen ist der Reliquienkult in der katholischen Kirche nach wie vor sehr lebendig. Dies zeigt sich auch im Umgang mit Acutis: Dessen Herz, kunstvoll in Gold eingefasst, ging noch vor der Heiligsprechung auf Tournee – auch durch deutsche Städte wie München, Köln und Berlin.
Die Ausstellung der Franziskus-Reliquien dauert bis zum 22. März. In Italien, wo Franz von Assisi als Schutzpatron gilt, gehen die Feierlichkeiten jedoch auch danach weiter. Für Anfang August hat sich Papst Leo in Assisi angesagt. Der 4. Oktober, der mutmaßliche Todestag des Heiligen, wurde vom Parlament in Rom kürzlich sogar zum gesetzlichen Feiertag erklärt – so wie das bis Mitte der Siebzigerjahre bereits einmal der Fall war.



