Millionen Babyboomern droht Wohnarmut im Alter: Studie schlägt Alarm
Wohnarmut im Alter: Millionen Babyboomer betroffen

Millionen Babyboomern in Deutschland droht im Alter die Wohnarmut. Das geht aus einer aktuellen Studie des Pestel-Instituts hervor, die im Auftrag der Gewerkschaft IG Bau erstellt wurde. Demnach bekommen rund 5,1 Millionen angehende Rentner weniger als 800 Euro Rente pro Monat. Nach Abzug der Miete bleibt diesen Menschen kaum noch etwas zum Leben übrig.

Warnung von Gewerkschaft und Experten

IG-Bau-Chef Robert Feiger (64) äußerte sich alarmiert in der „Rheinischen Post“: „Spätestens die Miete drängt einen Großteil der Babyboomer in die Wohnarmut.“ Der Ökonom Ralph Henger (49) vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) gibt zwar zu bedenken, dass die Studie ausschließlich die gesetzliche Rente berücksichtigt und private Vorsorge sowie Wohneigentum außen vor lässt. Dennoch warnt auch Michaela Engelmeier (65), Chefin des Sozialverbands SoVD: „Es drohen düstere Zustände.“ Justizministerin Stefanie Hubig (57, SPD) sagte gegenüber BILD: „Mieten darf nicht zur Armutsfalle werden – auch nicht im Alter.“

Betroffene berichten: „Kann mir München als Rentner nicht mehr leisten“

BILD hat Menschen in Deutschland gefragt, ob sie sich ihre Wohnung im Ruhestand noch leisten können. Die Antworten sind ernüchternd.

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Avdi Kafexholli (64), Haustechniker bei einer Fast-Food-Kette, plant, Deutschland zu verlassen: „Ich gehe in drei Jahren in Rente und kann mir dann München nicht mehr leisten. Ich zahle 1270 Euro Miete für meine 68-Quadratmeter-Wohnung in München-Pasing. Das sind etwa 55 Prozent meines jetzigen Lohns. Meine Frau war nicht berufstätig, sie hat sich um unsere vier Kinder gekümmert. Ich rechne mit knapp 900 Euro Rente.“ Für das Leben zu zweit benötigt das Paar 2300 Euro. „Ich will nicht zum Sozialamt gehen, deshalb werde ich Deutschland verlassen.“ Vor fast 30 Jahren kam er aus dem Kosovo, dorthin will er als Rentner zurückkehren. „Ich war immer zufrieden mit Deutschland. Es ist hier für uns picobello gelaufen.“ Früher war er sechs Jahre lang Grundschullehrer, fürchtet jedoch: „Ich werde aus dieser Zeit überhaupt keine Rente bekommen. Und selbst wenn: Zum Leben würde es hinten und vorn nicht reichen.“

Koch aus Hannover: „Werden unser Zuhause bestimmt aufgeben müssen“

Constantin (58), angestellter Koch aus Hannover, ist verheiratet, hat zwei Kinder und verdient 2300 Euro netto im Monat: „Wir wohnen seit 20 Jahren in einer 4-Zimmer-Wohnung. Meine Rente wird eher bescheiden ausfallen, wir werden unser bisheriges Zuhause bestimmt aufgeben müssen. Das wäre schade, denn wir sind im Viertel sehr verwurzelt.“

Berlinerin sieht andere Probleme: „Teurer, in kleinere Wohnung umzuziehen“

Petra K. (59), medizinische Fachangestellte aus Berlin, verdient derzeit 1900 Euro netto, ihre Rente wird 1300 Euro betragen. Sie zahlt 600 Euro warm für ihre zwei Zimmer in Steglitz, wo sie seit 40 Jahren lebt und bleiben will. „Das Problem von Leuten in meinem Alter ist eher, dass sie große Wohnungen haben, aber es teurer wäre, in eine kleine umzuziehen.“ Eine 1,5-Zimmer-Wohnung sei mittlerweile teurer als eine 3- bis 4-Zimmerwohnung mit altem Mietvertrag. „Wenn die Kinder aus dem Haus sind, bleiben viele Alte dann in ihren vier Zimmern, weil es nicht anders geht.“ Große Wohnungen fehlen dann jungen Familien.

Frankfurter Trockenbauer: „Werde vermutlich in mein Heimatland zurückgehen“

Ante Kovac (61), Trockenbauer aus Frankfurt am Main: „Ich lebe seit 2007 in einer 2,5-Zimmer-Wohnung mit 65 Quadratmetern, zahle 600 Euro warm und verdiene 2600 Euro netto. Mein 25-jähriger Sohn lebt noch bei mir. Ich hatte noch nie eine Mieterhöhung. Ich muss noch etwa fünf Jahre arbeiten. Wenn ich in Rente bin, werde ich etwa 1700 Euro bekommen. Abzüglich der Miete und 100 Euro für Strom werde ich mit 1000 Euro leben können. Das passt schon. Ich werde aber vermutlich sowieso in mein Heimatland Kroatien zurückgehen, wenn ich in Rente gehe. Dort habe ich in Split ein abbezahltes Haus. Die Lebenshaltungskosten sind zwar ähnlich wie in Deutschland, aber es gibt dort ein großes Krankenhaus, gutes Wetter und 95 Prozent Katholiken.“

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Karlsruher Rentner: „Am Ende des Monats komme ich auf 0 raus“

Jürgen Fritz (70) aus Karlsruhe ist seit 2014 in Rente: „Ich wohne schon über 20 Jahre lang in einer 1-Zimmer-Wohnung mit 27 Quadratmetern. Ich nenne es: Wohn-Schlaf-Klo. Ich habe 45 Jahre gearbeitet, unter anderem als Betreuungskraft im Altenheim. Die Wohnung wird innerhalb der Familie vermietet und ich zahle 385 Euro warm. Ich bekomme 1408 Euro Rente, nicht viel. Eine teurere Wohnung könnte ich mir nicht leisten. Ich habe noch ein Auto, Versicherungen und das Deutschland-Ticket. Über einen Theaterbesuch muss man dreimal nachdenken. Am Ende des Monats komme ich auf 0 raus. Wir haben zu wenig Sozialwohnungen und selbst bauen auch immer weniger. Unsere Politiker sind von der Realität ganz weit weg.“