Dirk Leverenz: Vom schüchternen Werkstatt-Mitarbeiter zum gefragten Restaurant-Koch in Parchim
Dirk Leverenz: Vom Werkstatt-Mitarbeiter zum Restaurant-Koch

Vom Versteck hinter Wäschebergen zur offenen Küche: Dirk Leverenz' außergewöhnlicher Weg

Früher versteckte sich Dirk Leverenz aus Parchim regelrecht vor Menschen. Sobald Kunden die Tür betraten, flüchtete der schüchterne Mann hinter große Wäscheberge in der Wäscherei der Lewitz Werkstätten. Heute steht er in der offenen Küche des Restaurants Mahlwerk in der Kulturmühle Parchim und bereitet vor den Augen der Gäste köstliche Gerichte zu. Diese erstaunliche Transformation gelang dem 37-Jährigen mit 80-Grad-Schwerbehinderung und extremer Lese- sowie Sehschwäche gegen alle Erwartungen.

Der schwierige Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt

Noch vor wenigen Jahren schrieb Dirks Betreuer in einer Job-Empfehlung: „kein Publikumsverkehr, keine wechselnden Arbeitszeiten, keine hohe Verantwortung“. Solche Arbeitsplätze gibt es in Behindertenwerkstätten reichlich, und viele Menschen mit Behinderung sind damit zufrieden. Doch Dirk wollte mehr. „Ich wollte der Welt zeigen, dass ich nicht nur der scheue Mensch mit Behinderung bin“, erklärt er. In ihm brodelte der Ehrgeiz, und er beschloss, den Deckel anzuheben.

Nun arbeitet er als Beikoch im Restaurant Mahlwerk – einem der beliebtesten Lokale der Stadt. Mit 35-Stunden-Woche, Krankenversicherung und vollem Urlaubsanspruch verdient er seinen Lebensunterhalt komplett selbst. Diese Entwicklung ist außergewöhnlich: Nur weniger als ein Prozent der Menschen mit Schwerbehinderung schaffen in Deutschland den Übergang von einer Werkstatt auf den regulären Arbeitsmarkt.

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Vom Praktikum zum Küchen-Allrounder

„Ich hab sofort Ja gesagt, als das Angebot kam“, erzählt Dirk stolz. Nach einem erfolgreichen Praktikum übernahm er die Stelle als Küchen-Allrounder. Seine Aufgaben sind vielfältig:

  • Ware annehmen und vorbereiten
  • Gemüse schnippeln für vegane, vegetarische und Fleischgerichte
  • Spezialist für Spinatknödel sein (er macht die besten der Stadt)
  • In Spätschichten bis Mitternacht arbeiten
  • Am Wochenende beim Brunch-Service helfen

Besonders stolz ist Dirk auf seine Spezialität: „Ich mache die besten Spinatknödel“, verrät er und lacht. Viel Zeit verbringt er daher mit Kartoffelreiben und Kneten. Seine Lieblingsgerichte im Mahlwerk sind die Burger mit Rindfleisch-Patties, Tomaten-Salsa und Rosmarin-Kartoffeln. „Zum Glück gibt es bei uns keine Pommes“, sagt er grinsend. „Dann würde hier alles nach Fritteuse riechen.“

Siebenzehn Jahre Vorbereitung in den Lewitz-Werkstätten

Die Grundlage für seinen Erfolg legte Dirk in siebzehn Jahren bei den Lewitz-Werkstätten. In der gemeinnützigen Einrichtung, die über 1200 Menschen beschäftigt oder betreut, sammelte er Erfahrungen in verschiedenen Bereichen:

  1. Tischlerei
  2. Wäscherei
  3. Getränkehandel
  4. Bäckerei
  5. Kantine

Dort wurde er gefördert und gefordert und entdeckte schließlich seine Leidenschaft für die Gastronomie. „Meine Oma hatte früher mal ein Restaurant“, erzählt der Parchimer. „Vielleicht kommt es daher. Zu Hause hab ich gelernt, wie man Königsberger Klopse macht.“

Das Mahlwerk: Ein Vorzeigebeispiel für gelungene Inklusion

Das Restaurant Mahlwerk wird von der Firma Lewitz-Dienstleistungen betrieben – einer Tochter der Lewitz Werkstätten. Das Ziel: Arbeits-, Ausbildungs- und Praktikumsstellen auf dem ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung schaffen. Die Hälfte des Teams im Mahlwerk ist schwerbehindert, doch alle sind normale Arbeitnehmer. Ein Schild am Eingang weist darauf hin, dass es sich um ein Inklusions-Restaurant handelt.

Katharina Neuborn, Geschäftsführerin der Lewitz-Dienstleistungen, erklärt das Konzept: „Jeder Mitarbeiter mit Handicap kann selbst entscheiden, wie viele Stunden er im Monat arbeitet“. Zusätzlich bietet das Unternehmen psychosoziale Betreuung an, wo Mitarbeiter in regelmäßigen Gesprächen von Problemen im Job oder Privatleben erzählen können.

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Eigeninitiative und persönliches Wachstum

Dirk hat aktiv an seiner Entwicklung gearbeitet. „Vor fünf Jahren hab ich angefangen, Bücher zu lesen“, erzählt er. „Mit ‚Herr der Ringe‘ ging es los. Dadurch ist mein Lesen besser geworden.“ Neben seiner Arbeit im Restaurant kocht er auch zu Hause und hält sich mit Sport fit. Bei Wettbewerben im Bankdrücken hat er bereits beachtliche Siege errungen.

In seiner Freizeit ist der Bayern- und Hansa-Fan mit dem Mountainbike in den Wäldern rund um Parchim unterwegs und fährt auch mal nach Schwerin und zurück. Für seinen 15-jährigen Sohn ist Dirk ein Vorbild: „Wir machen zusammen Bankdrücken und er möchte jetzt auch Koch werden“, freut sich der Vater, der den Namen seines Sohnes auf dem Unterarm tätowiert hat.

Neue Perspektiven und Pläne

Mit seinem regulären Gehalt kann Dirk sich nun auch Urlaube leisten. Im Frühling plant er eine Kreuzfahrt auf der Ostsee mit seiner Mutter, Cousine und Tante. „Kein stinknormaler Urlaub“, sagt er schmunzelnd. „Aber was soll’s – wo doch jetzt sonst alles so herrlich normal läuft.“

Dirk Leverenz' Geschichte zeigt, dass Menschen mit Behinderung enormes Potenzial haben, das in Zeiten des Fachkräftemangels vielerorts noch ungenutzt bleibt. Sein Weg von der schüchternen Person hinter Wäschebergen zum selbstbewussten Koch in einem beliebten Restaurant beweist: Mit der richtigen Unterstützung und eigenem Einsatz kann Inklusion auf dem Arbeitsmarkt gelingen.