Güstrower Familienzentrum in der Krise: Sprach- und Kulturtreff droht das Aus
Güstrow: Familienzentrum und Kulturtreff in Gefahr

Güstrower Familienzentrum in der Krise: Sprach- und Kulturtreff droht das Aus

Seit einem Jahrzehnt ist das AWO-Familienzentrum am Platz der Freundschaft in Güstrows Südstadt eine feste Anlaufstelle für Menschen verschiedenster Hintergründe. Doch nun steht insbesondere der Sprach- und Kulturtreff vor einer existenziellen Bedrohung: Die Bundesförderung läuft zum Jahresende aus, eine weitere Finanzierung ist bislang nicht gesichert.

Ein Ort des Vertrauens und der Begegnung

Für viele Menschen mit Migrationshintergrund, die aus Kriegs- und Krisengebieten wie dem Iran, Irak, Syrien oder verschiedenen afrikanischen Ländern stammen, hat sich der Treff zu einem unverzichtbaren Ort entwickelt. Hier finden sie Unterstützung beim Deutschlernen, beim Ausfüllen von Formularen und bei sozialen Fragen. „Die Menschen haben Vertrauen zu uns aufgebaut. Sie brauchen uns als Ansprechpartner“, betont Inga Schwarz, die den Sprach- und Kulturtreff seit zehn Jahren leitet.

Ein Mann aus dem arabischen Kulturraum beschrieb Inga Schwarz einmal als jemanden mit „einem weißen Herzen“ – eine Person, die selbst nicht viel besitzt, aber umso mehr gibt. Diese Beschreibung charakterisiert den Geist des gesamten Zentrums, das weit mehr ist als nur eine Anlaufstelle für Geflüchtete.

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Vielfältiges Angebot für die gesamte Gesellschaft

Das Familienzentrum hat sich zu einem echten Schmelztiegel entwickelt, wo sich unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppen begegnen. Das Angebot umfasst:

  • Entspannungskurse und Eltern-Kind-Angebote
  • Schüler-Nachhilfe und Bildungsberatung
  • Ehe- und Paarberatung
  • Informationsabende zu Diversität und häuslicher Gewalt
  • Lesungen und kulturelle Veranstaltungen

Vizeleiterin Nadine Meyer erklärt: „Wir verstehen uns als Kompetenzzentrum mit übergreifenden Fachgebieten.“ Die meisten Angebote sind kostenlos oder erfordern nur geringe Beiträge, finanziert durch verschiedene Fördertöpfe wie den Integrationsfonds.

Wachsende Ängste in unsicheren Zeiten

Gerade in der aktuellen Zeit wachsender Verunsicherung gewinnt das Zentrum zusätzliche Bedeutung. „Momentan sind die Ängste wegen Krieg und Krisen groß“, berichten Inga Schwarz und Nadine Meyer. Viele Menschen seien mürbe und angespannt, ältere Personen schalteten aus Sorge gar keine Nachrichten mehr ein, junge Menschen fragten sich, ob sie noch Kinder in diese Welt setzen sollten.

Die steigenden Lebenshaltungskosten und sogar Schulden belasten viele Besucher. Das Team greift diese Themen in Gesprächen, Veranstaltungen und neuen Dialogformaten auf. Aktuell stehen politische Diskurse im Vordergrund, besonders im Hinblick auf die anstehenden Landtagswahlen.

Dialogformate gegen Vorurteile

Geplant sind politische Dialoge von Jugendlichen mit Landtagsabgeordneten sowie eine Ausstellung mit Veranstaltungen zum Thema „Mein Kind ist rechts, was kann ich tun?“. Bei solchen Events gehe es vorrangig um Austausch, der Einstellungen verändern könne, weil oft Wissen über den anderen fehle, erklärt Nadine Meyer.

Besonders beim jährlichen Familienfest des Zentrums werden Berührungsängste abgebaut. „Dann erreichen wir wirklich alle: große und kleine, junge und alte, deutsche und ausländische Großfamilien“, so Meyer.

Erfahrungen, die prägen

Inga Schwarz ist Quereinsteigerin in der sozialen Arbeit. Erfahrungen in einer Flüchtlingsunterkunft mit Tausenden Menschen aus Krisengebieten haben sie nachhaltig geprägt. „Vieles hat meinen Horizont gesprengt“, erinnert sie sich. Sie habe dort gelernt, zuzuhören und die Geschichten hinter den Schicksalen zu sehen – Geschichten von ertrunkenen Menschen, getöteten Kindern und Familien, die über zwei Jahre zu Fuß von Afghanistan nach Deutschland gelaufen sind.

Ungewisse Zukunft trotz großen Bedarfs

Umso größer ist die Befürchtung, dass der Treff wegfallen könnte. „Ich sorge mich nicht um meinen Job, Bedarf ist mehr als genug da“, betont Inga Schwarz. Ihre Sorge gilt den Menschen, die hier Halt, Hilfe und menschliche Begegnung finden. Das Familienzentrum in Güstrows Südstadt steht symbolisch für eine Gesellschaft, die zusammenrückt – doch seine Zukunft hängt nun an einem seidenen Faden der Finanzierung.

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