Wehrpflicht-Berater: Bei Eltern staut sich Sorge über möglichen Kriegsdienst an
In Deutschland existiert derzeit keine verpflichtende Einberufung zum Wehrdienst, doch die Debatte darüber löst bei vielen Menschen tiefe Verunsicherung aus. Vor allem Eltern und Großeltern machen sich Sorgen um ihre gerade erwachsenen Kinder und Enkelkinder, berichtet Jens Lattke, Friedens- und Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).
Kirchliche Beratung nimmt Ängste ernst
Lattke bietet seit Jahren eine ergebnisoffene Beratung zum Thema Wehrdienst an, die nicht erst mit dem neuen Wehrdienstgesetz in Kraft getreten ist. „Menschen reagieren sehr sensibel auf Äußerungen von Politikerinnen und Politikern zur Bundeswehr“, erklärt er. Sie beginnen schnell, darüber nachzudenken, was dies für sie persönlich bedeuten könnte.
Als die jüngste Debatte zur Wehrpflicht aufkam, meldeten sich vermehrt besorgte Eltern bei ihm. „Weit mehr als die Jugendlichen selbst“, betont Lattke. Häufig habe sich bei ihnen einiges aufgestaut. Der Berater versucht, diese Ängste aufzufangen, damit kein Druck an die Kinder weitergegeben wird. „Denn immerhin sind es die Jugendlichen, die eine Entscheidung treffen müssen - nicht deren Eltern“. Gelegentlich melden sich auch die Jugendlichen selbst bei ihm.
Neues Gesetz und Fragebögen sorgen für Bewegung
Dem aktuellen Gesetz nach unterliegen Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren einer Wehrpflicht, doch eine verpflichtende Einberufung gibt es derzeit nicht. Das neue Wehrdienstgesetz sieht vor, dass alle 18-jährigen Männer und Frauen einen Fragebogen erhalten, mit dem ihre Eignung und Motivation für die Bundeswehr erhoben wird. Männer müssen diesen verpflichtend ausfüllen.
Sollte die Bundeswehr mit Hilfe dieser Fragebögen nicht genügend Freiwillige gewinnen können, behält sich die schwarz-rote Koalition die Einführung einer sogenannten Bedarfswehrpflicht vor. Diese Regelung hat bereits zu Protesten geführt, bei denen zahlreiche Schülerinnen und Schüler in mehreren Städten auf die Straße gingen.
Bewerbungszahlen steigen, doch Verweigerungen nehmen zu
Nach Angaben der Bundeswehr wurden in Sachsen-Anhalt die ersten Fragebögen am 15. Januar versendet, Ende Januar folgte eine weitere Versendung. Welchen Einfluss dies auf die Bewerbungszahlen hat, ist noch unklar, doch ein positiver Trend zeichnet sich ab. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind zu Beginn dieses Jahres mehr Bewerbungen für den freiwilligen Wehrdienst eingegangen.
- In Sachsen-Anhalt gingen Ende Januar 140 Bewerbungen ein, im Vorjahr waren es etwa 100.
- In Sachsen wurden 80 Bewerbungen mehr registriert.
- In Thüringen waren es 30 mehr.
Gleichzeitig ist die Zahl der anerkannten Anträge auf Kriegsdienstverweigerung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Während es 2020 noch 48 waren, zählte das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben 2025 insgesamt 2.830 Anträge. Bis Ende Februar dieses Jahres wurden bereits 1.035 Anträge anerkannt.
Musterungskapazitäten fehlen in Ostdeutschland
Für eine verpflichtende Musterung müssen Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen derzeit nach Berlin reisen. Die erforderlichen Kapazitäten in diesen Bundesländern sollen erst Mitte 2027 „in der benötigten Anzahl“ zur Verfügung stehen, wie eine Sprecherin der Bundeswehr erklärte.
Externe Ereignisse lösen Beratungsbedarf aus
Lattke berichtet, dass im Januar weniger Anfragen für Beratungen eingingen, da viele Menschen wussten, worum es geht und dass kein akuter Handlungsbedarf besteht. Die Kirche und andere Organisationen beraten seit Jahrzehnten zur Kriegsdienstverweigerung, darunter auch die „Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“.
Der Überfall Russlands auf die Ukraine und jüngst der Überfall auf den Iran haben die Zahl der Beratungen zur Kriegsdienstverweigerung jedoch steigen lassen. „Zunächst waren es vor allem Reservistinnen und Reservisten, die sich fragten, was das nun für sie bedeutet“, sagt Lattke. Dann folgten Anfragen von Menschen, „die so erst mal gar keinen Kontakt zur Bundeswehr hatten“.
Im Gespräch geht es meist um den Spannungs- und Verteidigungsfall, also was passiert, wenn Deutschland Kräfte braucht. „Mir geht es darum, dass die Menschen Klarheit haben“, betont der Berater. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht sei die Struktur für die Beratung weitestgehend weg gewesen, doch gelegentlich meldeten sich Soldatinnen und Soldaten, die nach Auslandseinsätzen anders auf militärische Gewalt blickten.



