Yana und Stella: Eine Tochter würdigt ihre Mutter, die mit 15 zwangsverheiratet wurde
Yana und Stella: Mutter mit 15 zwangsverheiratet

Eine bewegende Geschichte zwischen Tradition und Selbstbestimmung

Normalerweise widmet sich Yana Shabaeva journalistischen Ratgeber-Themen, doch dieser Text ist eine persönliche Hommage an ihre Mutter Stella. Es ist die Geschichte einer Frau, die mit nur 15 Jahren zwangsverheiratet wurde, schwanger war und dennoch einen beeindruckenden Weg der Selbstbehauptung ging.

Flucht und Neuanfang in Deutschland

Stellas Leben begann in Grosny, Tschetschenien. Als 1994 der Erste Tschetschenienkrieg ausbrach, musste die damals Neunjährige mit ihrer Familie fliehen. Sie fanden Zuflucht in Naltschik im Nordkaukasus. In dieser Region war es nicht ungewöhnlich, früh zu heiraten – im Gegenteil, es galt als Ideal. Stella kam aus einer armen Familie und wurde mit 14 verlobt, mit 15 verheiratet und schwanger.

Im Jahr 2002 kamen Stella und ihr Mann im Rahmen des Kontingentflüchtlingsgesetzes nach Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt war Yana erst ein Jahr alt und ihre Mutter gerade 16 Jahre. „Ja, richtig gelesen. Mit vierzehn war sie verlobt, mit fünfzehn verheiratet und schwanger, mit Ende fünfzehn bereits Mutter“, schreibt Yana.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Der Kampf um Unabhängigkeit

In Deutschland angekommen, erwartete Stellas Mann, dass sie Hausfrau bleibt. Doch sie wollte mehr. Sie erkannte früh, dass sie allein für sich und ihre Tochter sorgen musste, da der Vater oft abwesend war. Stella begann eine Ausbildung zur Kosmetikerin und arbeitete für den Mindestlohn. Da das Einkommen nicht reichte, nahm sie einen zweiten Job in einem Hotel an.

„Jeden Tag von frühmorgens bis spätabends sah ich sie von Montag bis Samstag gar nicht. Sie war am Arbeiten“, erinnert sich Yana. Als Grundschulkind verstand sie die Anstrengungen ihrer Mutter nicht und war oft böse über deren Abwesenheit. Lehrer und andere Eltern kritisierten Stella dafür, dass sie sich zu wenig um ihre Tochter kümmere.

Die unsichtbaren Opfer einer Mutter

Erst Jahre später erkannte Yana, was ihre Mutter alles auf sich genommen hatte. Stella arbeitete unermüdlich, damit ihre Tochter eine gute Kindheit hatte – trotz der Abwesenheit des Vaters. Sie ermöglichte Yana Geburtstagsfeiern, Kleidung, Spielsachen, Nachhilfe und sogar teure Kunststunden.

Ein besonders bewegendes Beispiel: Stella nahm einen Kredit auf, um einmal im Jahr mit ihrer Tochter in die Türkei ans Meer zu fahren. Diesen Kredit zahlte sie dann über das ganze Jahr ab. „Warum? 'Damit du ans Meer kannst. Du liebst das Meer und es tat dir gut'“, zitiert Yana ihre Mutter.

Ein neues Leben in Berlin

Die Scheidung von ihrem Mann markierte einen Wendepunkt. Stella erkannte, dass ihr in Deutschland neue Möglichkeiten offenstanden. Trotz Gender-Pay-Gap und Diskriminierung am Arbeitsplatz nutzte sie ihre Chance. 2016 eröffnete sie ihr eigenes Kosmetikstudio „Stella Perfect Beauty“ in Berlin-Grunewald.

Während der Pandemie machte sie ihren Meistertitel in Kosmetik und nahm 2020 an der Reality-Soap „Salonfähig - Wer macht schöner?“ teil, wo sie den ersten Platz belegte. 2022 bewarb sie sich – mit Ende dreißig – für ein Politikstudium, um gesellschaftlich etwas zu verändern.

Eine Botschaft der Stärke

Yana schreibt diesen Text, um die Geschichte einer Frau zu erzählen, die sehr jung nach Deutschland kam – „als Kind mit einem anderen Kind im Arm“. Ohne die Sprache zu beherrschen, zwangsverheiratet, geschieden, alleinerziehend und stets überarbeitet. Doch sie gab nie auf.

„Danke Mama, dass du mich ermutigst, stets das Beste aus mir herauszuholen“, schreibt Yana. „Du hast mir gezeigt, dass wir das Recht haben, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen. Als Frauen.“

Heute ist Yana 25 Jahre alt und Journalistin, während ihre Mutter erfolgreich ihr Kosmetikstudio führt und nebenbei Politik studiert. Eine Geschichte, die zeigt, dass man trotz aller Widrigkeiten sein Schicksal in die eigene Hand nehmen kann.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration