400 Jahre Reeperbahn: Eine Zeitreise durch Hamburgs berühmteste Meile
400 Jahre Reeperbahn: Zeitreise durch Hamburgs Meile

930 Meter lang – und seit 400 Jahren legendär: Die Reeperbahn feiert Jubiläum. Deutschlands berühmteste Meile leuchtet Nacht für Nacht und bleibt das schlagende Herz von St. Pauli. Ende April 2026 wird das große Jubiläum begangen, und Interessierte können auch virtuell an der Feier teilnehmen. Die Historikerin Eva Decker (52), das „Gedächtnis von St. Pauli“, und der Kulturwissenschaftler Ekkehart Opitz (58), Kiez-Urgestein und Leiter des letzten Erotic Art Museums in Deutschland, führen durch die bewegte Vergangenheit.

Anfang der Seilmacher

Die Geschichte beginnt 1626 an der Seilerstraße 1 mit einem Handwerk, das die Weltmeere verbindet: Reepschläger fertigten meterlange Taue und Seile für die Schifffahrt. Sie gaben der Reeperbahn ihren Namen. Zunächst arbeiteten sie in der Neustadt, wurden aber vor die Stadtmauern verlegt, als Platz für Wohnraum benötigt wurde. St. Pauli, damals noch Hamburger Berg genannt, lag außerhalb der Wallanlagen und bot eine freie Fläche, die nicht bebaut werden durfte. Historikerin Eva Decker erklärt: „Ein Schiffstau kann 220 Meter haben, plus Bude und Geräteschuppen – da kommt man locker auf 300 Meter.“ Zu Spitzenzeiten arbeiteten zehn bis fünfzehn Meister zwischen Hamburg und Altona. Nach Napoleons Verwüstungen wurden Linden gepflanzt, die den Arbeitern Schatten spendeten. Mit dem Wachstum Hamburgs mussten die Reepschläger weichen; 1883 wurden die letzten Taue geschlagen. 1899 erhielt die Straße ihren heutigen Namen. Auf dem Gelände entstand eine Schule, heute ein Museum. Im Hof stehen die letzten beiden Linden als lebendige Erinnerung an die Reepschläger.

Der Spaß kommt nach St. Pauli

Am Spielbudenplatz begann die Vergnügungsgeschichte St. Paulis. Seit Ende des 18. Jahrhunderts tummelten sich hier Schausteller mit ihren Buden: Kasperletheater, kleine Sensationen, Süßes und Herzhaftes – ein Jahrmarkt vor den Toren Hamburgs. Von Rotlicht war keine Spur; Handwerker standen neben Bildungsbürgern, Dienstmädchen neben Kaufleuten. Erotik wurde nur angedeutet, etwa durch Damenmusikkapellen, die mal „nacktes Bein“ zeigten. Hinter dem Millerntor entstand der „Trichter“, ein Gartenpavillon, in dem Bürger Zeitung lasen, Billard spielten und Bier tranken. Jeder Reisende, der Hamburg durch das Millerntor verließ, kam hier vorbei. 1868 wurde der „Trichter“ zu einem repräsentativen Bau mit Bühne und großem Garten für bis zu 1500 Gäste. Aus Schaubuden wurden feste Häuser, aus dem Jahrmarkt Theater, Varietés und große Säle – die Grundlage der Amüsierkultur, die die Reeperbahn weltberühmt machte.

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Das Rotlicht zieht auf die Reeperbahn

In der Davidstraße konzentrierte sich früh das Rotlicht. St. Pauli lag vor den Stadtmauern; wer nach Einbruch der Dunkelheit hineinwollte, musste Sperrgeld zahlen. „Drinnen ist es teurer, kontrollierter, umständlicher. Vor allem Reisende und Seeleute bleiben lieber draußen“, sagt Decker. Zwischen 1806 und 1814 kamen französische Besatzer, die Nachfrage nach Prostituierten stieg. Mit wachsendem Schiffsverkehr kamen mehr Seeleute. Der Weg von den Landungsbrücken führte direkt in die Davidstraße, wo sich Bett, Bier und Bordell auf wenigen Metern konzentrierten. Ende des 19. Jahrhunderts lief die Straßenprostitution aus dem Ruder; die Stadt konzentrierte das Geschäft in der Heinrichstraße. 1922 wurde diese in Herbertstraße umbenannt, um den Namen von der Bordellstraße zu lösen. Die Nationalsozialisten verbannten die Prostitution aus dem öffentlichen Straßenbild und verdeckten die Eingänge der Herbertstraße mit Sichtblenden. Heute haben Frauen und Minderjährige offiziell keinen Zutritt – eine Regel aus den 1970er-Jahren zum Schutz der Prostituierten.

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Der Kiez wird zur Heimat der Transszene

1963 wagte sich die „Monika Bar“ auf der Großen Freiheit als erste Transbar nicht im Hinterhof, sondern mitten auf dem Kiez. „Das war mutig“, sagt Decker, denn Transpersonen wurden damals verprügelt, verhöhnt und ausgegrenzt. „Auf der Bühne ist es okay. Außerhalb der Bühne nicht.“ Während vorn eine Bar Haltung zeigte, wuchs ein junger Mensch in die Rolle hinein: Jürgen Böhmer, Jahrgang 1938, merkte früh, dass er anders war. Heimlich lieh er sich Kleider, durfte sich in der Casablanca Bar umziehen und schminken. Als „Julia“ arbeitete er in der „Roxy Bar“ als Damenimitator, verdiente 30 bis 50 D-Mark für acht Stunden. Über den Hafen kamen Hormonpräparate aus aller Welt; ein Gynäkologe behandelte Transpersonen diskret. „Hier entstehen Netzwerke. Man weiß, wo man auftreten kann“, sagt Decker. Julia Böhmer blieb auf dem Kiez, arbeitete in wechselnden Läden und starb 2023 mit 85 Jahren. Die Monika Bar besteht bis heute.

Die geheimen Schmuggler-Tunnel

Unter St. Pauli verbirgt sich ein zweites Gesicht: ein Netz aus Schmugglertunneln. „Geschmuggelt wurde eigentlich immer das Gleiche: Alkohol und Zigaretten“, sagt Ekkehart Opitz. Schon in den 1920er-Jahren lief das Geschäft: Die Ware kam im Hafen an und verschwand durch Mauerdurchbrüche von Keller zu Keller – geheime Gänge vom Hafen bis zur Reeperbahn. Nach 1945 erreichte der Schmuggel seinen Höhepunkt; die Keller dienten zuvor als Luftschutzräume. „Da hieß es: Heute kommt eine Kiste an – für euch ist auch was drin“, erzählt Opitz. Erst Ende der 1990er-Jahre ließ der Senat die meisten Zugänge schließen. Nur wenige Reste blieben, etwa unter dem Kiosk Mittenmang an der Davidstraße. Gerüchte besagen, dass es noch viel mehr Wege gibt – beweisen lässt sich das nicht. Aber auf St. Pauli ist alles möglich.

Plötzlich ist Sex auf der Bühne

In den 1950er-Jahren probierte sich St. Pauli aus: Beim Bikiniangeln zogen Männer Kleidungsstücke von der Bühne, Schlammcatcherinnen rangen und verloren mehr als den Halt. „Das waren günstige Shows – aber sie funktionierten“, sagt Opitz. Ende der 1960er-Jahre drehte der Kiez richtig auf: 1970 eröffnete das „Salambo“ auf der Großen Freiheit. Betreiber René Durand inszenierte seine Shows wie ein Regisseur mit Skizzen, Choreografien und festen Abläufen. Das Publikum war zahlungskräftig: Geschäftsleute, Prominente, neugierige Paare. Tabubruch: Live-Sex auf der Bühne, Abend für Abend. Vor Gericht erklärte Durand seine Shows zum „Tanztheater“ und kam damit durch. Wo einst das „Salambo“ stand, befindet sich heute der Table-Dance-Club „Dollhouse“.

Die Kunst entdeckt den Kiez

1984 übernahm Malerfürst Jörg Immendorff eine heruntergekommene Kneipe am Hans-Albers-Platz und taufte sie „La Paloma“. Er machte den Laden zu einem Treffpunkt für bildende Künstler. An den Wänden hingen Werke von Werner Büttner, Markus Lüpertz, Georg Baselitz – Originale zwischen Tresen und Zapfhahn. Immendorff nannte das Lokal eine „Kapelle am Wegesrand“: Kunst nicht im Museum einschließen, sondern dorthin bringen, wo es laut, roh und echt ist. „Das war der Versuch, St. Pauli neu zu denken“, sagt Opitz. Das „La Paloma“ gibt es heute noch, ist aber kein Künstlertreff mehr, sondern Anlaufstelle für Partyhungrige. Die fast drei Meter hohe Hans-Albers-Statue auf dem Platz stammt ebenfalls von Immendorff; nach einem Streit mit dem Senat holte er das Original nach Düsseldorf, in Hamburg steht eine Kopie.

Und zum Schluss ein „Yeah! Yeah! Yeah!“

Im Indra Musicclub auf der Großen Freiheit steht seit 2025 wieder ein Telefunken-Radio aus den 1950er-Jahren. Klubbetreiber Bruno Koschmider stellte es einer englischen Musikgruppe in die Garderobe, damit sie Nachrichten aus der Heimat hören konnte: den Beatles. Am 17. August 1960 standen sie dort zum ersten Mal auf einer Bühne auf dem europäischen Festland. „Das ist der Moment, in dem sich auf St. Pauli eine eigene Jugendkultur formiert“, sagt Opitz. Später spielten die Beatles im „Star-Club“ und wurden Weltstars. Jimi Hendrix, Little Richard, Ray Charles, Fats Domino und Jerry Lee Lewis folgten ihnen auf den Kiez. Für Opitz ist klar: „St. Pauli war nie nur Rotlicht – es war immer auch ein Labor für Kultur.“