Neustrelitz erinnert an geschlossene Ingenieurschule mit neuer Dauerausstellung
Im Galerieflur des Kulturquartiers Neustrelitz herrschte reges Gedränge, als Besucher erstmals die neue Dauerausstellung zum ehemaligen Technikum Altstrelitz betrachten konnten. Fotos, historische Dokumente und zahlreiche Zeitzeugnisse, die der Verein "Technikum Strelitz" über Jahrzehnte zusammengetragen hat, sind nun der Öffentlichkeit zugänglich.
Vergessene Geschichte eines renommierten Bildungsinstituts
Vielen Neustrelitzern ist heute das imposante Backsteingebäude in der Wilhelm-Stolte-Straße lediglich als Sitz der Stadtwerke bekannt. Nur wenige wissen, dass sich dort bis 1991 eine der angesehensten Ingenieurschulen Deutschlands befand. Die neue Dauerausstellung im Kulturquartier beleuchtet nun diese fast vergessene Kapitel der Regionalgeschichte.
Das Technikum wurde 1890 vom Architekten und Hochschullehrer Max Hittenkofer gegründet und entwickelte sich schnell zu einer der renommiertesten technischen Bauschulen im Deutschen Kaiserreich und später in der Weimarer Republik. Wie auf den Ausstellungstafeln nachzulesen ist, zog die Bildungseinrichtung Schüler aus Deutschland und der ganzen Welt an. Absolventen der Bauschule wirkten international, wie auch Bürgermeister Andreas Grund in seiner Eröffnungsrede betonte.
Internationale Spurensuche und einzigartiges Archiv
Die Ausstellung ist das Ergebnis jahrelanger Recherchearbeit. Vereinsmitglied Frank Weißbach erklärte, dass insbesondere die Zusammenarbeit mit Archiven und Korrespondenzen mit Menschen aus Deutschland, den USA, Mexiko, Schweden, Russland und weiteren Ländern zum umfangreichen Max Hittenkofer-Archiv beigetragen hätten. Diese internationalen Verbindungen verdeutlichen, wie weitreichend der Einfluss der Bauschule mit ihren Absolventen tatsächlich war.
"Die Korrespondenzen zeigen eindrucksvoll, wie global vernetzt das Technikum bereits damals war", so Weißbach während der Ausstellungseröffnung.
Innovative Lehrmethoden als Erfolgsgeheimnis
Der große Erfolg des Technikums basierte einerseits auf dem rasanten Industrialisierungsprozess, der einen enormen Bedarf an technischen Fachkräften schuf. Andererseits war der Erfolg auf eine von Hittenkofer persönlich entwickelte innovative Lernmethode zurückzuführen. Für jeden Schüler wurde ein individuell zugeschnittener Lehrplan erstellt, der dessen persönliche Anforderungen und Fähigkeiten berücksichtigte.
Diese gründliche und zugleich beschleunigte Ausbildung bewährte sich in der Praxis hervorragend. Zusätzlich wurde der theoretische Unterricht durch umfangreiche Praxisphasen in Laboren und Werkstätten ergänzt, wie zahlreiche Fotos in der Ausstellung dokumentieren. Noch heute lebende Absolventen zeigten sich bei der Eröffnung sichtlich gerührt und stolz beim Betrachten dieser historischen Aufnahmen.
Das Ende einer Ära und verpasste Chancen
Dem Stolz der ehemaligen Schüler mischte sich jedoch auch Wehmut bei. Die renommierte Bauschule existiert seit 1991 nicht mehr. Frank Weißbach erinnerte daran, dass es in der Folgezeit durchaus Bemühungen gegeben habe, eine ähnliche Einrichtung in Neustrelitz wieder aufzubauen. Allerdings hätten Politiker auf allen Ebenen "die wirtschaftliche Bedeutung einer solchen Bildungseinrichtung nicht verstanden", kritisierte er deutlich.
Bürgermeister Grund erinnerte sich genau an das Ende des Technikums. Damals als Stadtvertreter aktiv, berichtete er, dass bereits zu DDR-Zeiten unter Bildungsministerin Margot Honecker die Entscheidung gefallen sei, Bildungsinstitutionen in der Region nach Neubrandenburg zu verlagern. Nach der Wiedervereinigung war es dann nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das Technikum endgültig seine Türen schließen musste.
Kulturquartier wird zum Bewahrer der Geschichte
Kulturquartier-Geschäftsführerin Dorothea Klein-Onnen gestand in ihrer Eröffnungsrede, dass sie bislang kaum etwas vom Technikum gewusst habe. Ihre Einrichtung beherbergt bereits das Walter Karbe-Archiv, und die zusätzliche Verantwortung für das Max Hittenkofer-Archiv habe sie zunächst als große Herausforderung betrachtet.
Nachdem ihre Mitarbeiter das Material gesichtet, sortiert und fachgerecht archiviert hatten, beschäftigte sich auch Klein-Onnen intensiv mit der Geschichte der Bauschule. "Ich bin inzwischen ein echter Technikum-Fan geworden", bekannte sie. Gemeinsam mit Vereinsmitglied Heinz Oldenburg unterzeichnete sie schließlich einen Schenkungsvertrag, der das Archiv dauerhaft dem Kulturquartier anvertraut.
Bürgermeister Grund betonte, dass das Kulturquartier der ideale Ort sei, um diese wichtige Heimatgeschichte zu präsentieren. Gleichzeitig merkte er an, dass das Archiv wahrscheinlich noch nicht vollständig sei: "Wenn jemand weitere Dokumente oder Fotos besitzt, sind diese jederzeit willkommen." Die Dauerausstellung bietet somit nicht nur einen Blick in die Vergangenheit, sondern lädt auch zur aktiven Mitgestaltung der Geschichtsaufarbeitung ein.



