Demmins Bauboom zwischen den Kriegen: Wie eine Hansestadt trotz Krise wuchs
Während Deutschland in den Jahren zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg von Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit erschüttert wurde, erlebte die Hansestadt Demmin einen ungewöhnlichen Bauboom. Bei einem gut besuchten Vortrag in der Hanse-Bibliothek beleuchtete Amélie von Loeper vom Heimatverein diese besondere Entwicklungsepoche der Stadt.
Großer Andrang im Lesesaal der Hanse-Bibliothek
Der kleine Saal der Hanse-Bibliothek war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Amélie von Loeper ihre Ausführungen begann. Bibliotheksleiterin Kati Dittbrenner strahlte angesichts des regen Interesses der Demminer Bevölkerung. „Die Einnahmen dieser Veranstaltung kommen durchweg unserem Förderverein zugute“, erklärte sie zufrieden. Vor Beginn hatte Geschichtsexperte Roland Thoms noch Bedenken geäußert: „Hoffentlich ist das Thema nicht zu furztrocken! Die Gäste müssen sich das damalige Leben dazu denken.“
Bauboom trotz Weltwirtschaftskrise
In einer Zeit, als Deutschland mit massiver Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Not kämpfte, trotzte Demmin dem allgemeinen Trend. Die Stadt erlebte zwischen 1918 und 1939 einen regelrechten Bauboom mit zahlreichen Infrastrukturprojekten und Stadterweiterungen:
- Bau einer modernen Kanalisation
- Errichtung des Finanz- und Zollamtes an der Adolf-Pompe-Straße (heute Ärztehaus)
- Bau der Eckvilla für die damalige Kreisbank (später Pommersche Bank und Deutsche Bank)
- Erweiterung des Krankenhauses um eine Männerstation und ein Warmbad
- Bau eines Wohnhauses für Offiziere am Barlachplatz
- Errichtung des Feuerwehrhauses am Klinkenberg
- Fertigstellung der Meyenkrebs-, Kahlden- und Tollensebrücke zwischen 1922 und 1924
Besonders interessant für die Besucher war ein Archivbild der ehemaligen Jugendherberge, die sich auf dem Gelände des heutigen Hundesportplatzes am Rande des Devener Holzes befand.
Infrastrukturprojekte und Stadterweiterungen
Um den enormen Kohlebedarf der Gasanstalt zu decken, baggerte die Firma Bauckmeier den Mühlengraben aus und machte ihn schiffbar. Weitere bedeutende Bauten dieser Zeit waren der Klänhammer-Speicher, das Versammlungshaus der landeskirchlichen Gemeinschaft am Marienhain und der erste Wohnblock der Wohnungsgenossenschaft in der Lindenstraße 1.
Die Bevölkerungsentwicklung verdeutlicht das rapide Wachstum: Hatte Demmin 1927 etwa 13.000 Einwohner, lebten dort 1935 bereits mehr als 15.000 Menschen. Diese Entwicklung machte umfangreiche Stadterweiterungen notwendig, insbesondere die Gartenstadt und die Stadtrandsiedlung wuchsen stetig.
Gartenstadt und Stadtrandsiedlung als Wohnlösungen
Amélie von Loeper widmete einen besonderen Schwerpunkt den Stadtsiedlungen. „Nach der Jahrhundertwende dehnte sich die Stadt aus“, erläuterte sie. Die Gartenstadt, deren Planung maßgeblich auf den Berliner Architekten und Stadtplaner Hermann Jansen zurückging, könnte nach Ansicht von Loepers ein Denkmal sein.
Die Entstehung der Stadtrandsiedlung wurde bereits vor 1933 geplant, um beengte Wohnverhältnisse für Familien mit Kindern zu verbessern. Die Finanzierung erfolgte durch genossenschaftliche Kredite, was jedoch zu Einsparungen bei Baumaterial führte. „Das hatte den Nachteil, dass die Wände sehr dünn waren und erheblich an Baumaterial gespart wurde“, berichtete ein Besucher.
Lilo Schlösser ergänzte: „Damals brachten die Bewohner viele Eigenleistungen ein. Die Verteilung der fertiggestellten Bauten erfolgte durch ein Losverfahren. Dann musste ein einmaliger Betrag von 400 Mark gezahlt werden, und Mietzahlungen schlossen sich an.“
Persönliche Erinnerungen und reger Austausch
Mehrere Besucher des Vortrages leben heute in diesen Stadtteilen und brachten überlieferte Erzählungen ihrer Vorfahren mit ein. Roland Thoms berichtete zahlreiche Details über das Leben in der Gartenstadt, wo seine Eltern einst ein Geschäft führten. Vielen Anwesenden war bekannt, dass sich in dieser Zeit auch viele Menschen, die am Flugplatz in Tutow arbeiteten, in Demmin ansiedelten.
Die intensive Auseinandersetzung der Anwohner mit ihrer Stadtgeschichte zeigte sich in zahlreichen Fragen zu weiteren Bauten, etwa zu doppelten Fußböden im Bereich der Adolf-Pompe-Straße oder dem stetigen Ansteigen des Grundwassers.
Ein erfolgreicher Abend mit Aussicht auf Fortsetzung
Am Ende des Abends stellte Roland Thoms erleichtert fest: „Schön, dass ich mich geirrt habe, es war keineswegs furztrocken.“ Robert Fingerloos, der Vorsitzende des Fördervereins der Hanse-Bibliothek, regte an, über eine Zweitauflage dieser Veranstaltung nachzudenken. Denn das Baugeschehen seinerzeit war so umfangreich, dass es sicherlich genug Material für einen weiteren Vortrag gäbe.
Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, wie Demmin in einer schwierigen Zeit nicht nur überlebte, sondern durch gezielte Bauprojekte und Stadterweiterungen sogar wuchs – ein bemerkenswertes Kapitel der Stadtgeschichte, das bis heute das Interesse der Bevölkerung weckt.



