Massiver Protest gegen Münchner Mietenwahnsinn
Am Samstagnachmittag versammelten sich tausende Münchnerinnen und Münchner auf dem Odeonsplatz, um lautstark gegen die als "Wahnsinnsmieten" bezeichneten Wohnkosten in der bayerischen Landeshauptstadt zu demonstrieren. Es war die größte Mieterdemonstration in München seit acht Jahren, organisiert von über 120 verschiedenen Organisationen.
Teilnehmerzahlen und friedlicher Verlauf
Die Angaben zur Teilnehmerzahl divergierten deutlich: Während die Veranstalter von rund 10.000 Menschen sprachen, ging die Polizei von 4.000 bis 5.000 Demonstranten aus. Trotz der unterschiedlichen Zahlen blieb die Stimmung während der Kundgebung auf dem Odeonsplatz und beim anschließenden Umzug durch die Maxvorstadt, die von Organisatoren als "gentrifiziert" bezeichnet wurde, durchweg friedlich.
Politische Präsenz und auffällige Abwesenheit
Die ersten Reihen der Demonstration waren dicht gefüllt mit wehenden Fahnen verschiedener Parteien – von sehr linken Gruppierungen bis hin zur SPD. Demo-Mitorganisator Matthias Weinzierl musste sogar von der Bühne aus darum bitten, die Fahnen zeitweise abzusenken, um die Sicht für andere Teilnehmer nicht zu versperren.
Auffällig abwesend war jedoch die CSU. Diese Abwesenheit nutzte Dominik Krause, OB-Kandidat der Münchner Grünen, für einen symbolischen Akt: Er initiierte ein Pfeifkonzert des Publikums in Richtung der etwa 400 Meter entfernten Staatskanzlei, die von CSU-Vorsitzendem Markus Söder geführt wird.
Redebeiträge zwischen Applaus und Pfiffen
Stefan Jagel von der Linken erhielt viel Beifall für seine Forderung, München dürfe "kein Disneyland für Immobilienspekulanten" werden. Ironischerweise wurde seine Rede fast vom fünfminütigen 15-Uhr-Läuten der Theatinerkirche übertönt.
Christian Köning von der SPD München betonte, die Stadt tue, was sie für den Mieterschutz könne, verwies aber gleichzeitig auf die Verantwortung von Land und Bund. Sein Abgang von der Bühne wurde von vereinzelten Pfiffen begleitet.
Persönliche Schicksale und existenzielle Nöte
Die Demonstration machte deutlich, wie unterschiedlich, aber durchweg belastend die Wohnsituation für viele Münchner ist. Rosa Vogel (22), die bald eine Ausbildung beginnt, kann sich weder eine eigene Wohnung noch ein WG-Zimmer in ihrer Heimatstadt leisten und bleibt notgedrungen bei ihren Eltern wohnen.
Katharina Plankl (27), Assistentin in einer Rechtsanwaltskanzlei, sucht seit sechs Monaten vergeblich eine Zwei-Zimmer-Wohnung trotz über 100 Bewerbungen und fünf Besichtigungen. "Ich verdiene nicht schlecht und finde einfach nichts", resümiert sie ernüchtert.
Noch dramatischer schilderte Karin Lohr vom Straßenmagazin BISS die Situation sozial schwacher Personen, die teilweise in vergitterten Kellerwohnungen für 800 Euro leben würden. "Da beschwert sich niemand, weil sie alle Angst haben, dass sie rausfliegen und dann gar nichts mehr haben."
Historischer Verweis und konkrete Forderungen
Ein wiederkehrendes Thema war der Verkauf der GBW AG (Gemeinnützige Bayerische Wohnungsbaugesellschaft) durch den Freistaat Bayern im Jahr 2013, als Markus Söder Finanzminister war. Ein Protestschild fasste die Kritik zusammen: "Söders Verrat an den Mietern: 33.000 landeseigene Wohnungen verkauft".
Die Organisatoren, auf der Bühne vertreten durch Julia Richter, stellten konkrete Forderungen auf:
- Mieten deckeln
- Keine leistungslosen Gewinne mit Grund und Boden
- Leerstand verhindern
- Sozialwohnungen erhalten
- Öffentlichen Boden nicht weiter "verscherbeln"
Solidarität und persönliche Geschichten
Marianne Ott-Meimberg berichtete als "eine der letzten drei Mieterparteien" in der Türkenstraße 54 von ihrem seit 19 Jahren andauernden Mieterkampf. Sie wünscht sich, ihren Lebensabend dort verbringen zu können, wo sie seit über 50 Jahren lebt.
Nebenschauplatz und Fazit
Ein kleiner Zwischenfall ereignete sich, als eine Gruppe aus der Klimaprotestbewegung ein Banner mit der Aufschrift "Wohnraum statt Hubraum" an der Staatsbibliothek anbrachte, was zu einem Polizeieinsatz führte.
Nach drei Stunden Programm zeigten sich die Veranstalter gegenüber der AZ zufrieden: "Dass so viele Menschen auf die Straße gegangen sind, um gegen den Mietenwahnsinn zu protestieren, zeigt unmissverständlich: Die Mietenkrise ist kein Randthema. Sie bedroht Existenzen."
OB Dieter Reiter war nicht persönlich vor Ort, meldete sich aber am Nachmittag per Instagram zum Thema Wohnungskrise. Trotz kühler Temperaturen und der Erkenntnis, dass manche Teilnehmerzahl sich "mehr" gewünscht hätten, schuf die Demonstration ein deutliches Zeichen der Solidarität unter den von der Wohnungskrise Betroffenen.



