Die quadratischen Schokoladentafeln von Ritter Sport sind seit Jahrzehnten für 100 Gramm Inhalt bekannt. Doch nun hat der Hersteller aus dem schwäbischen Waldenbuch drei neue Sorten mit einem Gewicht von nur 75 Gramm auf den Markt gebracht. Es handelt sich um Produkte mit besonders hohem Kakaoanteil, die seit Ende April im Handel erhältlich sind. Ein Unternehmenssprecher bestätigte auf Anfrage, dass die bisherige Kakao-Klasse nicht mehr produziert werde.
Verbraucherschützer wittern Shrinkflation
Die Verbraucherzentrale Hamburg sieht darin eine versteckte Preiserhöhung. Das Phänomen, bei dem weniger Inhalt zum gleichen oder sogar höheren Preis verkauft wird, wird als „Shrinkflation“ bezeichnet. „Aus unserer Sicht spricht vieles dafür“, heißt es in einem Beitrag der Verbraucherschützer. Ritter Sport versuche jedoch den Eindruck zu erwecken, dass es sich um eine neue Produktlinie handele.
Bereits zuvor hatte das Unternehmen zwei Sorten Proteinschokolade mit diesem Gewicht im Angebot. Die neuen Produkte seien äußerlich genauso groß wie die Standardtafeln mit 100 Gramm, aber dünner. Konkret geht es um die Sorten „Die Vollmundige“ mit 55 Prozent Kakaoanteil, „Die Aromatische“ mit 74 Prozent und „Die Intensive“ mit 81 Prozent.
Parallelen zu bisherigen Produkten
Die Gestaltung unterscheide sich zwar deutlich, doch die Verbraucherschützer erkennen Parallelen zu den früheren Produkten der Kakao-Klasse. Zwei der neuen Sorten hätten denselben Kakaoanteil. Der Preis liege trotz der geringeren Füllmenge meist weiterhin bei 2,29 Euro je Tafel. „Unter der Annahme, dass die bisherigen Produkte faktisch ersetzt werden, entspricht das einer versteckten Preiserhöhung von mehr als 33 Prozent“, so die Verbraucherzentrale.
Ritter Sport weist Vorwürfe zurück
Ritter Sport widerspricht der Darstellung. Es handele sich um eine vollkommen neue Produktgruppe mit neuen Rezepturen und einem neuen Tafelformat. Die bisherige Kakao-Klasse sei dafür nicht angepasst oder verändert worden. Die neuen Produkte basierten auf einer langfristigen Entwicklung rund um die firmeneigene Kakao-Plantage in Nicaragua, die inzwischen ausreichend Edelkakao für eine eigene Produktlinie liefere.
Zum geringeren Gewicht teilte Ritter Sport mit: „Aus der Marktforschung wissen wir, dass Verbraucher bei Schokoladen mit hohem Kakaoanteil dünnere Tafeln bevorzugen.“ Eine kleinere Quadratgröße hätte dickere Tafeln zur Folge gehabt, während eine 100-Gramm-Variante deutlich größer und teurer geworden wäre. Auf das reduzierte Gewicht werde auf der Verpackung mehrfach hingewiesen.
Ähnliche Kritik an Milka
Auch Ritter-Sport-Wettbewerber Mondelez war im vergangenen Jahr wegen seiner Packungsgrößen in die Kritik geraten. Die Schokoladentafeln der Marke Milka verteuerten sich von 1,49 auf 1,99 Euro, und der Inhalt vieler Sorten schrumpfte von 100 auf 90 Gramm. Der Grundpreis stieg damit um 48 Prozent. Die Verbraucherzentrale Hamburg zog deshalb vor Gericht und klagt wegen unlauteren Wettbewerbs. Mondelez weist die Kritik zurück und verweist auf die deutliche Gewichtsangabe auf der Verpackung. Der Streit wird derzeit vor dem Landgericht Bremen verhandelt; die Entscheidung soll am 13. Mai verkündet werden.
Schokolade deutlich teurer
In den vergangenen Jahren ist Schokolade insgesamt teurer geworden. Ursache waren befürchtete Ernteausfälle in Westafrika infolge von Pflanzenkrankheiten und Extremwetter. Hersteller und Händler gaben die höheren Rohstoffkosten an die Kunden weiter. Laut Statistischem Bundesamt war eine Tafel Schokolade im März im Schnitt 71 Prozent teurer als 2020. Wegen der höheren Preise konsumierten Verbraucher zuletzt weniger Schokolade. In den vergangenen Monaten haben die Lebensmittelhändler die Verkaufspreise zahlreicher Eigenmarkenprodukte wieder etwas gesenkt, da die Kakaoernte besser ausfiel und die Rohkakaopreise an den Börsen deutlich gesunken sind.
Wirtschaftlicher Druck bei Ritter Sport
Ritter Sport steht wirtschaftlich unter Druck. 2025 rutschte der Mittelständler trotz eines Umsatzanstiegs auf 712 Millionen Euro in die Verlustzone. Belastet wurde das Ergebnis vor allem durch stark gestiegene Kakao-, Energie- und Verpackungskosten. Gleichzeitig schwächte sich die Nachfrage ab. Als Reaktion kündigte das Unternehmen erstmals in seiner mehr als 110-jährigen Geschichte einen Stellenabbau an: In der Zentrale in Waldenbuch soll etwas mehr als jede zehnte Stelle wegfallen.



