In Zeiten der Digitalisierung und sozialen Medien fragen sich viele, ob traditionelle Benimmregeln nach Knigge noch zeitgemäß sind. Nicole Schlepphorst, Expertin für moderne Umgangsformen aus Lippstadt, gibt eine klare Antwort: „Knigge ist nicht altmodisch, sondern sehr aktuell. Es geht um wertschätzenden Umgang, der nie an Bedeutung verliert.“ Seit 2018 arbeitet sie als Trainerin, davor leitete sie 17 Jahre ein Geschäft für Businessbekleidung. Ihr Antrieb: der Wunsch, Menschen zu verbinden. „Der Kontakt zu Menschen war mir immer wichtig“, sagt sie.
Der perfekte Auftritt beginnt beim Händedruck
Eine Freundin berichtete ihr von einer negativen Erfahrung mit einer Praktikantin – schlaffer Händedruck, fehlender Blickkontakt. Das war der Auslöser für Schlepphorsts Berufung. Sie arbeitet mit allen Altersgruppen, von Kindergartenkindern bis zu Azubis. In spielerischen Einheiten von 45 Minuten vermittelt sie Themen wie Begrüßung, Zauberwörter und Tischkultur. „Ich zeige jungen Menschen, wie sie auf andere wirken und diesen Eindruck positiv gestalten können.“
Eltern als Vorbilder
Ihre eigenen Eltern prägten sie: „Sie lehrten mich zuzuhören, andere wahrzunehmen und aktiv auf sie zuzugehen.“ Ihr Vater war Handelsvertreter, daher hatte er ständig mit Menschen zu tun. „Wir begegnen jeden Tag anderen Menschen – die Frage nach wertschätzendem Umgang bleibt immer aktuell.“
Wer war Knigge?
Adolph Freiherr Knigge (1752–1796) war ein deutscher Schriftsteller und Aufklärer. Sein Werk „Über den Umgang mit Menschen“ (1788) wird oft fälschlich als Benimmratgeber verstanden, behandelt aber soziale Kompetenzen in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten.
Praktische Tipps für den Alltag
In ihren Seminaren, die oft „Mein perfekter Auftritt“ heißen, übt Schlepphorst mit den Teilnehmenden den Händedruck, der durch Corona an Starrheit verloren hat. „Heute empfindet niemand jemanden als unhöflich, wenn er aus gesundheitlichen Gründen auf den Handschlag verzichtet.“ Fettnäpfchen nimmt sie mit Humor: „Wenn ein Glas umfällt, einfach wegwischen und weitermachen.“
Social Media als Bühne
Auf LinkedIn, Instagram, TikTok und Facebook veröffentlicht die 58-Jährige kurze Videos zu Benimmfragen. Ihr Markenzeichen: Blazer, Fliege und Dutt. Ein Video zur Serviettennutzung erreichte 22.000 Aufrufe. Ihre größte Zuschauergruppe sind 45- bis 54-Jährige, aber auch Jüngere interessieren sich zunehmend. „Die Unsicherheit in sozialen Interaktionen führt dazu, dass sich mehr Menschen für Knigge interessieren“, erklärt sie.
Zehn Tischsünden und ihre Lösungen
Schlepphorst beantwortet die häufigsten Fragen zur Etikette bei Tisch:
- Besteck richtig ablegen: „20 nach acht“ bedeutet Pause, quer über dem Teller signalisiert: fertig.
- Pizza essen: Mit Messer und Gabel oder in der Hand – jeder nach eigenem Wohlgefühl.
- Toilettengang ansagen: Ein einfaches „Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment“ reicht.
- Essen schmeckt nicht: Ehrlichkeit ist erlaubt.
- Niesen am Tisch: In die Armbeuge oder ein Taschentuch.
- Handtasche im Restaurant: Nicht auf den Tisch, sondern auf einen freien Stuhl oder links neben sich auf den Boden.
- Trinkgeld geben: Fünf bis zehn Prozent sind üblich, aber freiwillig. Es drückt Wertschätzung aus, kein Statussymbol.
- Zu spät kommen: Pünktlichkeit zeigt Respekt gegenüber dem Gastgeber.
- Teller zusammenstellen: Besser nicht – das Servicepersonal hat ein durchdachtes System.
- Serviette: Aufgefaltet auf den Schoß, Öffnung zum Körper. Nach dem Essen links neben den Teller legen, nicht zerknüllt auf den Teller.
Mit diesen einfachen Regeln vermeidet man peinliche Momente und zeigt Wertschätzung – ganz im Sinne des modernen Knigge.



