Sprachen als Spiegel der Geschichte: Von DDR-Verboten zu globaler Vielfalt in Altentreptow
Der 78-jährige Rainer Maltzahn aus Grischow bei Altentreptow hat eine besondere Beziehung zur Sprache. Seine Kindheit war geprägt vom Klang des Plattdeutschen, das in seiner Familie und Nachbarschaft in Waren ganz natürlich gesprochen wurde. Doch dieser vertraute Klang stieß in der Schule der DDR auf strikte Ablehnung.
Ein Zettel, der die Sprachwelt veränderte
„Ich bekam einen Zettel für meine Eltern mit“, erinnert sich der Rentner lebhaft an seinen zweiten Schultag im Jahr 1953. „Darauf stand, sie müssten mir Hochdeutsch beibringen. Platt sei an der Schule nicht gewünscht.“ Diese Anordnung traf den Jungen unvermittelt, denn in seinem Alltag war Plattdeutsch die normale Umgangssprache. Selbst seine Großeltern und Nachbarn kommunizierten auf Platt.
Interessanterweise verband der junge Rainer Hochdeutsch mit negativen Erfahrungen. „Wenn mein Vater Hochdeutsch sprach, da brannte die Luft, weil er fluchte oder schimpfte“, erklärt er mit einem Augenzwinkern. Die emotionale Ladung der Sprache prägte sein Empfinden: „So hört sich ‚Leck mich am A....‘ viel unfreundlicher an, als wenn ich sage ‚Leck mi an Nors‘.“
Ein Verbot mit langfristigen Folgen
Seine Frau Gesine Maltzahn teilt ähnliche Erinnerungen. Auch ihre Eltern und Großeltern sprachen ausschließlich Plattdeutsch, doch in der Schule wurde Hochdeutsch zur Pflicht. Sogar den Eltern wurde untersagt, sich mit ihren Kindern auf Platt zu unterhalten. Diese restriktive Sprachpolitik hat Spuren hinterlassen: „Heute kann ich nicht mehr gut Platt sprechen“, gesteht Gesine Maltzahn. „Aber verstehen kann ich es noch.“
Der Internationale Tag der Muttersprache: Ein Zeichen gegen Sprachverlust
Um bedrohte Sprachen weltweit zu schützen, hat die UNESCO am 21. Februar 1999 den Internationalen Tag der Muttersprache ausgerufen. Das Datum erinnert an blutige Proteste in Dhaka 1952, als Urdu zur alleinigen Amtssprache Pakistans erklärt wurde – obwohl nur drei Prozent der Bevölkerung sie als Muttersprache sprachen. Dieser Konflikt führte schließlich zur Gründung Bangladeschs.
Heute sind laut UNESCO etwa die Hälfte aller weltweit gesprochenen Sprachen vom Aussterben bedroht. Ein alarmierender Befund, der die Bedeutung von Initiativen zur Sprachbewahrung unterstreicht.
Altentreptow heute: Ein Mikrokosmos globaler Sprachenvielfalt
In der heutigen Altentreptower Flüchtlingsunterkunft spiegelt sich diese globale Sprachenvielfalt wider. Integrationslehrer Stefan Pratzel vom Verein Genres unterrichtet dort Deutsch, während die Bewohner ihre unterschiedlichen Muttersprachen pflegen.
Sprachen zwischen Heimat und neuer Identität
Abdikhadar Dahir Jusuf spricht Somali als Muttersprache. Er stammt aus dem Südosten Somalias und gehört dem Stamm der Hawiya an. Nehad Abas Ali dagegen spricht mit seinen Töchtern bewusst nur Deutsch, um ihnen die Integration zu erleichtern. „Mit Freunden spreche ich dagegen sehr gern Kurdisch“, erklärt er, „weil es nicht nur eine sehr schöne Sprache ist, sondern auch meine Muttersprache.“
Eine besondere Haltung zur Muttersprache hat Olha Varkentin. Sie lehnt es ab, Russisch zu sprechen, obwohl es ihre Muttersprache ist. Als Frau aus einem russisch-ukrainischen Grenzgebiet mit ukrainischem Ehemann positioniert sie sich klar: „Putin sagt, Russland und Ukraine sind eins. Aber das ist eine Lüge. Wir sind keine Brüder, haben eine unterschiedliche Kultur und die Sprachen sind unterschiedlich.“
Deutsch als Schlüssel zur neuen Heimat
Ahmad Naoid aus Afghanistan spricht Dari als Muttersprache, zeigt aber wenig emotionale Bindung daran. Nach seiner Flucht über Italien nach Deutschland hat er andere Prioritäten entwickelt: „Mir ist es wichtig, mich mit den Menschen in meiner neuen Heimat zu unterhalten, zu fühlen, was sie bewegt, und hier Arbeit zu finden.“ Inzwischen hat er eine Ausbildung zum Schaffner begonnen – ein konkretes Beispiel gelungener Integration.
Rainer Maltzahns heutiges Sprachvergnügen
Während die Flüchtlinge in Altentreptow Deutsch lernen, pflegt Rainer Maltzahn seine plattdeutsche Leidenschaft auf andere Weise. Vor etwa zehn Jahren entdeckte er durch ein Buch von Fritz Reuter seine Freude am plattdeutschen Lesen. Regelmäßig lieh er sich entsprechende Bücher aus der Stadtbibliothek aus – bis das Angebot erschöpft war: „Doch da habe ich bald alle plattdeutschen Bücher gelesen“, bedauert er mit einem Lächeln.
Die Sprachlandschaft Altentreptows zeigt somit eindrucksvoll, wie sich historische Erfahrungen mit aktuellen Entwicklungen verbinden. Vom DDR-Sprachverbot über den UNESCO-Gedenktag bis zur heutigen multikulturellen Realität erzählen Sprachen immer auch Geschichten von Menschen, Identitäten und gesellschaftlichem Wandel.



