Vom schüchternen Werkstatt-Mitarbeiter zum gefragten Restaurant-Koch: Dirk Leverenz meistert den Sprung
Vom Werkstatt-Mitarbeiter zum Restaurant-Koch: Dirk Leverenz

Vom schüchternen Werkstatt-Mitarbeiter zum gefragten Restaurant-Koch: Dirk Leverenz meistert den Sprung

Früher versteckte er sich hinter Wäschebergen, sobald Kunden die Tür betraten. Heute steht Dirk Leverenz aus Parchim selbstbewusst in der offenen Küche des Restaurants Mahlwerk und bereitet mit Leidenschaft Gerichte zu. Der 37-Jährige mit einer 80-Grad-Schwerbehinderung sowie extremer Lese- und Sehschwäche hat einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt: Vom zurückhaltenden Mitarbeiter in den Lewitz Werkstätten zum vollwertigen Angestellten in einem der schönsten Restaurants der Stadt.

Der lange Weg aus dem Schneckenhaus

Über siebzehn Jahre arbeitete Dirk Leverenz in verschiedenen Bereichen der Lewitz-Werkstätten – in der Tischlerei, der Wäscherei, im Getränkehandel, der Bäckerei und Kantine. Sein Betreuer hatte einst in einer Job-Empfehlung festgehalten: „kein Publikumsverkehr, keine wechselnden Arbeitszeiten, keine hohe Verantwortung“. Doch in Dirk kochte der Ehrgeiz. „Ich wollte der Welt zeigen, dass ich nicht nur der scheue Mensch mit Handicap bin“, erklärt er heute.

Der Durchbruch kam, als seine Chefin in der Wäscherei ihn anwies, fortan die Dreckwäsche von Kunden anzunehmen. Langsam gelang es ihm, aus seinem Schneckenhaus zu kriechen. Später sammelte er erste Erfahrungen in der Kantine des Landratsamtes, wo ebenfalls Menschen mit Behinderungen beschäftigt sind. Doch sein Traum war die Gastronomie – vielleicht, weil seine Oma früher ein Restaurant besaß und er zu Hause bereits Königsberger Klopse zubereitete.

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Ein neues Leben im Restaurant Mahlwerk

Vor einigen Wochen trat Dirk Leverenz seine Stelle als Beikoch im Restaurant Mahlwerk an, das sich in der Kulturmühle Parchim befindet. Hier arbeitet er nun als „stinknormaler“ Angestellter mit einer 35-Stunden-Woche, Krankenversicherung und Urlaubsanspruch. Er verdient seinen Lebensunterhalt komplett selbst – ein großer Schritt, denn der Sprung aus einer Behindertenwerkstatt in einen regulären Job gelingt Menschen mit Schwerbehinderung in Deutschland nur extrem selten.

Im Mahlwerk ist Dirk der Küchen-Allrounder: In der Frühschicht nimmt er Ware an, schnippelt Gemüse und bereitet vegane, vegetarische sowie Fleisch-Gerichte vor. Besonders stolz ist er auf seine Spinatknödel, für die er viel Zeit mit Kartoffelreiben und Kneten verbringt. Die Spätschicht kann bis Mitternacht gehen, am Wochenende wird Brunch aufgefahren. „Der Restaurantleiter vertraut mir, und die Kollegen sind nett. Das ist wichtig“, betont Dirk.

Inklusion als Erfolgsmodell

Das Restaurant Mahlwerk ist ein Inklusionsbetrieb, der von der Firma Lewitz-Dienstleistungen – einer Tochter der Lewitz Werkstätten – geführt wird. Die Hälfte des Teams besteht aus Menschen mit Schwerbehinderung, doch alle sind normale Arbeitnehmer. „Jeder Mitarbeiter mit Handicap kann selbst entscheiden, wie viele Stunden er im Monat arbeitet“, erklärt Katharina Neuborn, Geschäftsführerin der Lewitz-Dienstleistungen. Zusätzlich bietet das Unternehmen psychosoziale Betreuung an, um die Mitarbeiter bei Problemen im Job oder Privatleben zu unterstützen.

Für Dirk Leverenz hat sich das Leben grundlegend verändert. Er hat nicht nur beruflich enorme Entwicklungsschritte gemacht, sondern auch privat an Selbstbewusstsein gewonnen. Vor fünf Jahren begann er, Bücher wie „Herr der Ringe“ zu lesen, was seine Lesefertigkeiten verbesserte. Zuhause kocht er leidenschaftlich gern, hält sich mit Sport fit und hat bei Wettbewerben im Bankdrücken bereits Siege errungen. An schönen Tagen erkundet er mit seinem Mountainbike die Wälder rund um Parchim oder fährt nach Schwerin.

Ein Vorbild für Sohn und Gesellschaft

Für seinen 15-jährigen Sohn ist Dirk Leverenz ein echter Held. „Wir machen zusammen Bankdrücken, und er möchte jetzt auch Koch werden“, erzählt der stolze Vater, der den Namen seines Sohnes auf dem Unterarm tätowiert hat. Mit seinem regulären Gehalt kann Dirk sich nun auch kleine Extras leisten – im Frühling plant er eine Ostsee-Kreuzfahrt mit der Aida zusammen mit seiner Mutter, Cousine und Tante.

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Die Geschichte von Dirk Leverenz zeigt, dass Menschen mit Handicap enormes Potenzial besitzen, das in Zeiten des Fachkräftemangels vielerorts noch ungenutzt bleibt. Sein Weg vom schüchternen Werkstatt-Mitarbeiter zum selbstbewussten Restaurant-Koch beweist: Mit der richtigen Förderung, einem unterstützenden Umfeld und eigenem Willen sind auch große Hürden überwindbar. In Parchim hat Dirk nicht nur einen Job gefunden, sondern eine neue Lebensperspektive – und kocht dabei die besten Spinatknödel der Stadt.