Bahn und Lokführer-Gewerkschaft im entscheidenden Verhandlungsfinale
Die Nerven der Pendler liegen blank: Nach den jüngsten Arbeitsniederlegungen im Nahverkehr könnte nun der Fernverkehr der Deutschen Bahn erneut ins Stocken geraten. Im Berliner Hauptbahnhof verhandeln die Deutsche Bahn und die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GdL) unter Hochdruck über einen neuen Tarifvertrag. Die Friedenspflicht endet am Samstag um Mitternacht – sollte bis dahin keine Einigung erzielt werden, droht ab Sonntag der nächste Streik.
Zeitdruck und konträre Positionen
Während Bahn-Personalvorstand Martin Seiler und der neue GdL-Bundesvorsitzende Mario Reiß äußerlich sachlich verhandeln, tickt die Uhr unerbittlich. Die Verhandlungsatmosphäre unterscheidet sich deutlich von früheren Gesprächen unter dem ehemaligen GdL-Chef Claus Weselsky, der für seine scharfe Rhetorik bekannt war. Heute herrscht zwar mehr Höflichkeit, doch in der Sache bleiben die Positionen weit auseinander.
Die Deutsche Bahn bietet ein Gesamtvolumen von sechs Prozent mehr, fordert dafür jedoch eine Laufzeit von satten 30 Monaten – was Ruhe bis Sommer 2028 bedeuten würde. Die GdL hingegen verlangt acht Prozent mehr Gehalt bei einer deutlich kürzeren Laufzeit von nur zwölf Monaten. Der neue Gewerkschaftschef Mario Reiß agiert zwar leiser als sein Vorgänger, zeigt sich in den Verhandlungen aber ebenso kompromisslos.
Die Schatten der Vergangenheit
Pendler und Reisende blicken mit Sorge auf die jüngste Vergangenheit zurück. Im Januar 2024 legte ein wochenlanger GdL-Streik den Schienenverkehr in Deutschland nahezu komplett lahm – ein Rekordausmaß an Arbeitsniederlegungen. Darauf folgten im März 2024 weitere Streikwellen mit kurzfristigen Ankündigungen, die den Fahrplan durcheinanderbrachten. Insgesamt wurden damals über 400 Stunden gestreikt, bevor eine vorläufige Einigung erzielt werden konnte.
Die aktuelle Situation ist besonders brisant, da sie unmittelbar auf die Verdi-Streiks im Nahverkehr folgt. Sollte es tatsächlich zu Arbeitsniederlegungen bei der Deutschen Bahn kommen, würde dies eine Doppelbelastung für das gesamte Verkehrssystem bedeuten. Viele Pendler, die bereits durch die Ausfälle bei Bussen und U-Bahnen beeinträchtigt wurden, müssten nun auch noch mit Einschränkungen im Fernverkehr rechnen.
Was auf dem Spiel steht
Die Verhandlungen betreffen nicht nur die unmittelbaren Gehaltsfragen, sondern haben auch strategische Bedeutung für die Zukunft der Tarifbeziehungen zwischen Bahn und Gewerkschaft. Die lange von der Bahn geforderte Laufzeit von 30 Monaten würde ungewöhnlich lange Planungssicherheit bieten, wird von der GdL aber als zu lang empfunden. Die Gewerkschaft pocht auf kürzere Vertragslaufzeiten, um regelmäßiger über Arbeitsbedingungen und Entlohnung verhandeln zu können.
Für Reisende und die Wirtschaft hängen die Verhandlungsergebnisse unmittelbar mit der Zuverlässigkeit des Schienenverkehrs zusammen. Nach den massiven Störungen durch frühere Streiks hat sich die Bahn um eine Stabilisierung des Betriebs bemüht. Ein erneuter großer Streik könnte diese Bemühungen zunichtemachen und das Vertrauen der Kunden weiter erschüttern.
Die kommenden Stunden bis Samstagmitternacht werden entscheidend sein. Beide Seiten betonen zwar ihren Verhandlungswillen, doch die Positionen liegen weit auseinander. Sollte es tatsächlich zu einem Streik kommen, wäre mit erheblichen Beeinträchtigungen im Fernverkehr zu rechnen, die über das Wochenende hinausreichen könnten.



