Deutsche Bahn: Neue Dienstanweisungen lösen massive Kritik aus
Inmitten der anhaltenden Debatte um Sicherheit im Bahnverkehr sorgt eine interne Dienstanweisung der Deutschen Bahn für erheblichen Unmut unter den Beschäftigten. Das Dokument mit der Kennung F-W 711/2025, das der regionalen Tageszeitung „Augsburger Allgemeine“ vorliegt, fordert von Zugbegleitern einen „tadellosen Zustand“ aller Waggons – einschließlich Toiletten, Teppichen und Mülleimern. Diese Aufgaben sollen das Personal eigeninitiativ übernehmen, obwohl die Anweisung bereits seit Dezember 2025 in Kraft ist.
Service-Vorgaben im Detail
Die neuen Regelungen umfassen weitreichende Pflichten für das Zugpersonal im Fernverkehr. Dazu zählt nicht nur das regelmäßige Einsammeln von Müll, sondern auch das Zurückbringen von Gläsern und Geschirr in die Bordküche. Wechselt das Personal im Speisewagen, muss der Zugchef sicherstellen, dass das Bordrestaurant durchgehend geöffnet bleibt. Selbst für Störungen bei gastronomischen Angeboten gibt es detaillierte Vorgaben: Fällt beispielsweise der Kaffeeautomat für Cappuccino aus, soll eine Durchsage laut „Augsburger Allgemeine“ wortwörtlich lauten: „Freuen Sie sich auf einen frisch gebrühten Filterkaffee.“
Im internen Papier heißt es dazu: „Einschränkungen bei unserem gastronomischen Angebot formulieren wir positiv.“ Weiter wird festgehalten: „Der Zugchef stellt sicher, dass … gezielt das aktuell verfügbare Angebot über die gastronomische Ansage beworben wird. Einzelne fehlende Speisen oder Getränke werden nicht genannt.“ Ziel des Sofortprogramms „Komfort“ ist es laut Bahn, den Fahrgästen „ein Reiseerlebnis zu bieten, welches durch positive Ansagen, maximale technische Verfügbarkeit und einen zuverlässigen Service an Bord geprägt ist und überzeugt.“
Empörung bei Bahn-Mitarbeitern
Die Reaktionen unter den Beschäftigten sind laut Berichten empört. Viele Mitarbeiter fragen sich, ob die Verantwortlichen in der DB-Zentrale, die diese Anweisungen verfasst haben, „schon mal einen Zug von innen gesehen“ hätten. Eine Bahn-Sprecherin verteidigte die Maßnahmen gegenüber der „Augsburger Allgemeine“ und betonte, dass die genannten Tätigkeiten „schon immer zu ihrem Aufgabenfeld“ gehört hätten.
Das eigentliche Problem scheint jedoch weniger in den Aufgaben selbst zu liegen, sondern vielmehr im chronischen Personalmangel, der die Umsetzung praktisch unmöglich macht. Dieser Mangel ist mit einem weitaus größeren Sicherheitsproblem verbunden: Vor etwa einer Woche wurde ein Zugbegleiter eines Regionalexpress in Rheinland-Pfalz von einem Fahrgast so schwer am Kopf verletzt, dass er später an einer Hirnblutung verstarb. Der 36-jährige Mitarbeiter hatte den zehn Jahre jüngeren Mann kontrolliert und wollte ihn wegen fehlenden Fahrscheins des Zuges verweisen.
Gewerkschaftliche Kritik und Forderungen
Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) reagierte mit einem offenen Brief an Bahnchefin Evelyn Palla. Darin wird der Todesfall als „kein isoliertes, unvorhersehbares Einzelereignis“ bezeichnet. Die „weiterhin praktizierte knappe Besetzung“ sei „alarmierend“. Besonders kritisiert wird das sogenannte „1:1-Konzept“, bei dem nur ein Zugchef und ein Zugbegleiter für einen gesamten ICE verantwortlich sind. Teilweise gebe es sogar „1:0-Besetzungen“, bei denen ein einzelner Mitarbeiter „allein für Betrieb, Service, Kontrolle und den Umgang mit Konfliktsituationen verantwortlich“ sei.
Die GDL fordert daher eine Mindestbesetzung von 1:2 ab neun Wagen, mehr Sicherheitskräfte, Kameraüberwachung und Bodycams für das Personal. „Diese Zustände sind nicht hinnehmbar“, so die Gewerkschaft in ihrer Stellungnahme.
Sicherheitsgipfel angekündigt
DB-Chefin Evelyn Palla hat für Freitag, den 13. Februar, einen Sicherheitsgipfel einberufen. „Mit dieser Initiative für mehr Sicherheit will die Bahnchefin kurzfristige Maßnahmen mit allen relevanten Akteuren definieren“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Zudem wolle man die „langfristige Finanzierungsfrage der Sicherheitskräfte im Regional- und Nahverkehr klären, da deren Einsatz über Verkehrsverträge individuell festgelegt wird.“
Eine Anfrage von TRAVELBOOK an die Deutsche Bahn blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Die Situation zeigt deutlich die Spannung zwischen ambitionierten Servicezielen und den realen Arbeitsbedingungen bei der Deutschen Bahn.



