Münchens Radverkehrsbilanz: Wie viel vom ambitionierten Radentscheid wurde wirklich umgesetzt?
Münchens Radentscheid: Bilanz nach sieben Jahren

Münchens Radverkehr im Fokus: Eine Bilanz nach sieben Jahren

Die Münchner fahren auch im Winter häufiger Rad. Doch wie hat die Stadt die Infrastruktur für sie tatsächlich verbessert? Bis 2025 wollte das Rathaus den Radentscheid umsetzen und dafür 1,6 Milliarden Euro ausgeben. Davon ist die Stadt allerdings noch weit entfernt.

Politische Konflikte und finanzielle Realitäten

In dieser Legislaturperiode kämpfte die Stadt gegen das Corona-Virus und nahm Zehntausende Geflüchtete aus der Ukraine auf. Doch so richtig Streit gab es im Rathaus gefühlt immer nur wegen eines Themas: der Verkehrswende. Genauer gesagt, es krachte wegen der Parkplätze und Fahrspuren, die für Radwege weichen sollten, und wegen der Kosten dieses Umbaus.

Es verging keine Haushaltsdebatte, bei der die CSU nicht über Luxusradwege im Allgemeinen und den 4,5 Millionen Euro teuren Radweg in der St.-Magnus-Straße in Harlaching im Speziellen wetterte. Doch wie fällt die Bilanz tatsächlich aus? Ist München eine Radl-Hauptstadt? Vor der Kommunalwahl 2026 lohnt sich ein kritischer Rückblick.

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Der Radentscheid: Ambitionierte Ziele und zähe Umsetzung

Ein kurzer Rückblick: Im Jahr 2019 unterschrieben rund 160.000 Münchner dafür, dass die Stadt sichere und breite Radwege schafft und einen geschlossenen Radring um die Münchner Altstadt baut. Der Stadtrat nahm das Bürgerbegehren an – auch die CSU stimmte zu. Doch schon wenige Monate später, als es um die konkrete Umsetzung und die damit verbundenen Kosten ging, distanzierte sich die CSU.

Das Planungsreferat schätzte, dass 1,6 Milliarden Euro notwendig seien, um die Straßen radlfreundlicher umzubauen. Im Koalitionsvertrag nahmen sich Grüne und SPD vor, den Radentscheid und den Altstadtradring bis 2025 umzusetzen. Beides ist nicht erfüllt worden.

Finanzielle Zwischenbilanz: Nur ein Bruchteil der Mittel ausgegeben

Bisher wurde von den 1,6 Milliarden Euro nur ein kleiner Teil ausgegeben. Das Baureferat gibt an, dass die bereits begonnenen und fertiggestellten Radentscheidsprojekte 37 Millionen Euro kosten werden. Dazu zählen:

  • Die St.-Magnus-Straße
  • Die Rheinstraße
  • Die Querung an der Stadelheimer Straße
  • Der erste Abschnitt der Lindwurmstraße
  • Die Boschetsrieder Straße
  • Der Giesinger Berg

Nicht in diesen 37 Millionen Euro enthalten ist der neue 4,50 Meter breite Radweg in der Zeppelinstraße, dessen Umbau rund 3,8 Millionen Euro kostete. Ebenso fehlt der Umbau der Karl-Theodor-Straße in Schwabing, wo rund 200 Eltern für einen sichereren Schulweg ihrer Kinder demonstrierten. Dieser Umbau dauert noch bis 2027 und wird etwa 9,5 Millionen Euro kosten.

Der Altstadtradring: Teure Sanierung und begrenzte Fortschritte

Die Kosten für den Altstadtradring werden vom Baureferat separat verbucht. Bisher sind fünf Abschnitte fertiggestellt, mit Kosten von rund 62,8 Millionen Euro. In dieser Summe sind jedoch auch Arbeiten wie die Tunnel-Abdichtung, Fahrbahnen, Gehwege und Ampeln enthalten. Der Altstadtring-Tunnel musste ohnehin saniert werden, und die Stadt war verpflichtet, die Oberfläche anschließend wiederherzustellen.

Insgesamt belaufen sich die Ausgaben für den Bau neuer Radwege auf etwa 113,1 Millionen Euro. Gleichzeitig liegen noch Dutzende Pläne für weitere Radwege in den Schubladen. Ursprünglich hatte der Stadtrat vorgesehen, in mehr als 40 Straßen breitere und sichere Radwege zu schaffen. 20 Pläne sind so weit fortgeschritten, dass das Mobilitätsreferat sie bei Veranstaltungen präsentierte.

Zukünftige Projekte und politische Unsicherheiten

Wie viel von diesen Planungen umgesetzt wird, hängt nicht nur von den Mehrheiten im neuen Stadtrat ab, sondern auch von den finanziellen Mitteln. In diesem Jahr plant das Mobilitätsreferat, vier Projekte zu beginnen:

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  1. Die Boschetsrieder Straße
  2. Die Domagkstraße
  3. Die Schwanthalerstraße im Abschnitt zwischen Paul-Heyse-Straße und Sonnenstraße
  4. Den Giesinger Berg

Für die Martin-Luther-Straße, die an den Giesinger Berg anschließt, läuft ein Verkehrsversuch. Der temporäre Radweg ist mit gelber Farbe auf die Straße markiert. Die SPD wollte testen, ob sich Staus bilden, wenn Fahrspuren entfallen. Das Mobilitätsreferat kommt zu dem Ergebnis, dass der Radweg den Verkehr kaum beeinträchtigt. Zudem könnten Bäume gepflanzt, Parkplätze umgestaltet und die Sicherheit für Schulkinder erhöht werden. Die offizielle Beschlussvorlage befindet sich noch im Freigabeprozess.

Kontroversen und Kompromisse: Die Lindwurmstraße und Radschnellwege

Um den Radweg an der Lindwurmstraße gab es erhebliche Kontroversen. Ursprünglich waren 40 Millionen Euro für neue Rad- und Gehwege veranschlagt. Der Stadtrat entschied sich jedoch für eine halb so teure Lösung, die durch Markierungen, Poller und einen sogenannten Hochbord-Radweg über dem Steinpflaster realisiert werden soll. Der weitere Umbau ist erst für 2027 geplant – sofern der neue Stadtrat dies nicht stoppt.

Im Koalitionsvertrag hatten Grüne und SPD auch den Bau mindestens drei Meter breiter Radschnellwege vereinbart. Sechs Routen sollten Stadt und Umland verbinden: nach Starnberg, Oberhaching, Dachau, Fürstenfeldbruck, Markt Schwaben und Garching. Bis auf die beiden letzten liegen alle Projekte auf Eis. Auch die Idee einer Radbrücke am Giesinger Berg wurde aus Kostengründen verworfen.

Erfolge und eingestellte Förderungen

Umgesetzt, aber aufgrund der Kosten wieder eingestellt, wurde eine Förderung für Lastenräder. Rund 4800 Lastenpedelecs und 600 Lastenräder wurden bezuschusst. Zudem hat die Stadt seit 2020 mehr als 10.000 neue Radabstellanlagen geschaffen. Diese Maßnahmen zeigen, dass trotz finanzieller und politischer Hürden Fortschritte erzielt wurden, auch wenn sie hinter den ursprünglichen Zielen zurückbleiben.

Die Bilanz des Münchner Radentscheids ist gemischt: Während einige Projekte realisiert wurden, bleiben viele ambitionierte Pläne unerfüllt. Die kommende Kommunalwahl wird entscheiden, ob und wie die Verkehrswende in München weiter vorangetrieben wird.