Erneuter Warnstreik legt Münchner Nahverkehr teilweise lahm
Die Gewerkschaft Verdi hat für Dienstag erneut zu einem ganztägigen Warnstreik im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) aufgerufen. In München sind davon vor allem U-Bahnen, Trambahnen und Buslinien bis zur Nummer 199 betroffen. Die S-Bahn, Regionalzüge und MVV-Regionalbuslinien verkehren hingegen planmäßig. Dieser Streik schließt sich direkt an die gerade beendete Sperrung der Stammstrecke an und stellt die Münchner Verkehrsinfrastruktur erneut auf eine harte Probe.
MVG kann Grundversorgung teilweise aufrechterhalten
Trotz des Streiks konnte die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) ein überraschend umfangreiches Grundangebot sicherstellen. Mehr als zwei Drittel der Busse waren auf allen Linien im gesamten Stadtgebiet unterwegs, wenn auch mit unregelmäßigen Takten. Bei der U-Bahn verkehrten Züge auf zwei wichtigen Abschnitten: Die U3/U6 fuhr alle zehn Minuten zwischen Fürstenried West und Fröttmaning, während die U2/U5 alle 20 Minuten zwischen Feldmoching und Neuperlach Süd pendelte.
Im Trambereich konnten drei Linien in Betrieb gehalten werden: Die Linie 20 im Zehn-Minuten-Takt, die Linie 25 im 20-Minuten-Takt und die Linie 17 auf dem Abschnitt Sendlinger Tor bis St. Emmeram ebenfalls alle 20 Minuten. Die MVG betonte, dass sich der Betrieb bei U-Bahn und Tram möglicherweise noch weiter ausweiten ließe, sollten sich zusätzliche Fahrerinnen und Fahrer zum Dienst melden.
Brandbrief der Kommunen: Finanzielle Spielräume erschöpft
Während die MVG versucht, den Betrieb aufrechtzuerhalten, gehen die Finanzchefs bayerischer Kommunen auf die Barrikaden. In einem Brandbrief an die Gewerkschaft Verdi warnen sie vor den klammen Kassen der Städte und Gemeinden. Münchens Kämmerer Christoph Frey (SPD) stellt klar: "Für zusätzliche Verlustausgleiche aus kommunalen Haushalten besteht derzeit kein Spielraum."
Die Kommunalvertreter zeigen zwar Verständnis dafür, dass Verdi sich für die Interessen der Beschäftigten einsetzt und die gestiegenen Lebenshaltungskosten berücksichtigt wissen will. Allerdings machen sie unmissverständlich deutlich, dass alle Betriebskostensteigerungen im ÖPNV – und damit explizit auch Tarifabschlüsse – in den kommenden Jahren entweder durch steigende Fahrpreise gegenfinanziert oder durch eine Reduzierung des Angebots kompensiert werden müssen. "Realistisch betrachtet deutet derzeit vieles auf Letzteres hin", heißt es in dem Schreiben.
Verkehrswende in Gefahr
Die möglichen Konsequenzen wären dramatisch: Sollten Bus-, Tram- oder U-Bahn-Linien gestrichen und Takte ausgedünnt werden, wäre dies "mit erheblichen negativen Folgen für die Verkehrswende" verbunden. Münchens Kämmerer Christoph Frey betont: "Dass sich Bund und Land stärker an der Finanzierung der Betriebskosten des ÖPNV beteiligen müssten, ist seit Langem eine berechtigte Forderung der kommunalen Familie." Ohne zusätzliche finanzielle Unterstützung von höheren Ebenen sehen die Kommunen schwarz für die Zukunft des Nahverkehrs.
Handel und Gastronomie leiden massiv
Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Streiks sind bereits jetzt spürbar. Allein in der Münchner Innenstadt sind etwa 100.000 Beschäftigte von den Einschränkungen betroffen. Wolfgang Fischer, langjähriger Geschäftsführer des Verbands der Münchner Innenstadthändler Citypartner, spricht von einem Schaden, der "in die Millionen" geht. Neben Handel, Gastronomie und Dienstleistungen seien auch Kulturbetriebe betroffen, die ihr Publikum nicht mehr erreichen könnten.
Die Situation verschärft sich dadurch, dass der Streik direkt an die Osterferien-Sperrung der Stammstrecke anschließt. Fischer berichtet von Umsatzrückgängen von bis zu 35 Prozent während der Sperrung: "Die Auswirkungen waren dramatisch. Wenigstens mal ein paar Wochen ohne Einschränkung, das hätten wir uns gewünscht."
Tarifverhandlungen vor entscheidender Runde
Mit dem Streik am Vortag der fünften Verhandlungsrunde für Bayern will Verdi Druck auf die Arbeitgeber ausüben. Die Gewerkschaft hat ihre Forderungen mittlerweile etwas reduziert und verlangt nun eine Erhöhung der Entgelte um 550 Euro in zwei Schritten bei einer Laufzeit von 24 Monaten sowie eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit. Die Arbeitgeber hatten nach der letzten Verhandlungsrunde zwar ihr Angebot verbessert, die Gewerkschaftsforderungen aber als "realitätsfern" abgelehnt.
Verdi zeigt Verständnis für den Frust der Fahrgäste und ist sich der angespannten Situation angesichts hoher Energiepreise bewusst. Gleichzeitig betont die Gewerkschaft: "All diese Probleme können jedoch nur politisch gelöst und nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden." Die MVG rechnet damit, dass der reguläre Betrieb ab Mittwochmorgen um 3.30 Uhr wieder aufgenommen werden kann, sofern der Streik wie geplant endet.



