Eine Liebeserklärung an Busse und Bahnen in Zeiten des Streiks
Eine frische Brise weht mir um die Nase, ich ziehe den Kragen meiner Jacke hoch. In der Dunkelheit leuchten plötzlich zwei große Scheinwerfer auf. Die Türen öffnen sich mit einem vertrauten Zischen, und ich steige nach dem Feierabend in den Bus ein. "Hallo", sagt der Fahrer mit einem kurzen Nicken. In diesem Moment, wenn unsere Blicke sich treffen, spüre ich eine seltsame Magie – die Magie der letzten Fahrt vor dem großen Stillstand.
Der große Stillstand: Bundesweiter Warnstreik legt Nahverkehr lahm
Von Hamburg bis München, von Berlin bis Stuttgart: Zehntausende Beschäftigte im öffentlichen Personennahverkehr haben die Arbeit niedergelegt. Sie streiken für bessere Arbeitsbedingungen, faire Löhne und mehr Wertschätzung. Die meisten Busse und Bahnen stehen still, die Schienen sind leer, die Haltestellen verwaist. Erst wenn etwas verloren geht, spürt man, wie sehr man es vermisst. Millionen Pendlerinnen und Pendler in ganz Deutschland müssen heute alternative Wege zur Arbeit finden – oder bleiben gleich zu Hause.
Wie viele von uns wären heute beseelt vom ersten warmen Frühlingsmorgen zur U-Bahn gelaufen? Hätten sich in überfüllte Waggons gequetscht, wären an der nächsten Station in den Bus umgestiegen und hätten wie immer vergeblich gehofft, dass endlich einmal ein Sitzplatz frei bleibt. Die vertrauten Rituale des Pendelns fehlen schmerzlich: Das Hörbuch auf den Kopfhörern, die heimlichen Blicke auf die Mitfahrer, die zufälligen Gesprächsfetzen über Alltägliches und Besonderes.
Busse und Bahnen: Die Limousinen des kleinen Mannes
Die wichtigsten Menschen der Welt sitzen nicht selbst am Steuer, sondern lassen sich fahren. Busse und Bahnen sind die wahren Limousinen des kleinen Mannes und der kleinen Frau – mit Panoramafenstern, die den Blick auf die vorbeiziehende Stadt freigeben. Wer sollte sich mit weniger zufriedengeben?
Die Alternativen zum ÖPNV zeigen heute ihre Grenzen:
- Das Fahrrad: Hier kann man ganz schlecht Hausaufgaben abschreiben oder die letzten Minuten vor der Arbeit für ein Nickerchen nutzen. Wie viele Schülerinnen und Schüler bekommen heute einen Strich im Klassenbuch, weil sie ohne den Bus zu spät kommen?
- Das Auto: Es bedeutet Stau, Parkplatzsuche und die Einsamkeit des eigenen Fahrzeugs. Kein Platz für zufällige Begegnungen, keine geteilten Momente mit Fremden.
- Zu Fuß: Für die meisten Pendler schlicht unrealistisch bei den Distanzen, die in deutschen Städten zurückgelegt werden müssen.
Mehr als nur Transport: ÖPNV als Spaceshuttle in neue Welten
Doch Busse und Bahnen sind viel mehr als nur Transportmittel zur Arbeit. Sie sind unsere Spaceshuttles, unsere "Discovery" und "Endeavour", die uns an abgelegene Orte bringen, die danach schreien, entdeckt zu werden:
- Mit der Linie 686 erreicht man in Solingen das malerische Jammertal
- Die Linie 3 führt im Ilm-Kreis zur historischen Neudietendorfer Feuerwehr
- Von Schwandorf aus startet die 105 zum gemütlichen Bummel über den Wackersdorfer Marktplatz
Am Wochenende wollen wir Ausflüge machen, die Welt sehen. Zehntausende Fußballfans fahren quer durch Deutschland, um ihr Team zu unterstützen. Andere wollen Tennis spielen, ins Kino, ins Theater oder einfach mal wieder in der Stadt essen gehen. Ohne Busse und Bahnen geht uns ein großes Stück Freiheit verloren.
Die Rückkehr der Magie: Ein Ausblick auf Sonntag
Am Sonntag werde ich mich wieder in einen Bus setzen, möglichst an einen Fensterplatz. Ich werde hinausschauen auf die vorbeiziehende Stadt, an Ampeln auf die angespannten Gesichter der ewigen Autofahrer blicken. Vielleicht werden sie eines Tages verstehen, was es heißt, in einer Kurve im Faltenbalg eines Gelenkbusses zu stehen. Vielleicht spüren auch sie dann die Magie des öffentlichen Nahverkehrs – diese besondere Mischung aus Alltäglichkeit und Abenteuer, aus Routine und Überraschung.
Bis dahin bleibt nur die Sehnsucht nach dem vertrauten "Hallo" des Busfahrers, nach dem Rattern der Bahnschienen, nach dem gemeinsamen Unterwegssein mit fremden Menschen, die für kurze Zeit zu Weggefährten werden. Der Streik zeigt uns schmerzlich deutlich: Der öffentliche Nahverkehr ist kein Luxus, sondern Lebensader unserer Städte und Gemeinden.



