Rostocks historische Tatras: Vom späten DDR-Import zum orangenen Arbeitswagen
Die Geschichte der Tatra-Straßenbahnen in Rostock ist ein faszinierendes Kapitel deutscher Verkehrsgeschichte. Diese historischen Fahrzeuge kamen erst in den letzten Monaten der DDR in die Hansestadt und haben seitdem eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen.
Späte Ankunft als letzte Bezirksstadt
Rostock erhielt seine Tatras von CKD Praha-Smichov erst als allerletzte Bezirksstadt der DDR. Technische Hindernisse und fehlende Infrastruktur verzögerten die Einführung, wie historische Dokumente belegen. Erst im Dezember 1989, nach dem Mauerfall aber vor der deutschen Wiedervereinigung, trafen die ersten zwölf Triebwagen vom Typ T6A2 aus Prag ein.
Die Anlieferung war ein logistisches Meisterwerk: Die Bahnen wurden auf Güterwagen der Deutschen Reichsbahn transportiert, über das Anschlussgleis zur Wendeschleife „Allee der Bauschaffenden“ – dem heutigen K.-Schumacher-Ring – gebracht und mit Wagenhebern auf die Gleise abgesetzt.
Vom Passagierbetrieb zum Arbeitswagen
Nach Testfahrten startete der reguläre Betrieb im Februar 1990 auf der Linie 2 zwischen Marienehe und der Allee der Bauschaffenden. „Der erste Tatra-Wagen war am 9. Februar 1990 auf Linie unterwegs“, berichtet Beate Langner, Sprecherin der Rostocker Straßenbahn AG (RSAG).
1991 folgten zwölf weitere Wagen, die eigentlich für Chemnitz bestimmt waren. Mit der Einführung der ersten Niederflurbeiwagen 4NBWE im Jahr 2001 erreichte Rostock eine besondere Auszeichnung: „Rostock war der erste deutsche Straßenbahnbetrieb, der in allen eingesetzten Zügen niederflurige Anteile vorweisen konnte“, erklärt Langner.
Nach über 25 Jahren Dienst endete der reguläre Passagierbetrieb der Tatras am 24. April 2015 auf der Linie 1. Moderne Niederflurbahnen des Typs 6N2 übernahmen ihre Aufgaben.
Drei Farben für zwei Arbeitswagen
Drei Tatras blieben im Bestand der RSAG: ein Traditionswagen und zwei Arbeitswagen. Diese beiden Arbeitswagen leisten heute Nachtarbeit, um tagsüber einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten.
Die Farbgeschichte dieser Fahrzeuge ist besonders interessant:
- Anfangsphase: Beigefarbener Lack mit rotem Zierstreifen
- Ab 1994: RSAG-Unternehmensfarbe „verkehrsblau“ mit weißen Türflächen
- Heute: Signalfarbe Orange für ihre Funktion als Arbeitswagen
Die heutigen Arbeitswagen 551 und 552 haben somit alle drei Farbphasen durchlaufen – von der beigen Ursprungsfarbe über das verkehrsblaue RSAG-Design bis zum aktuellen Orange, das ihrer Funktion als Arbeitsfahrzeuge entspricht.
Historische Bedeutung und heutige Funktion
Diese Tatras sind nicht nur technische Arbeitsgeräte, sondern auch lebendige Zeugnisse der Verkehrsgeschichte. Sie überstanden die Wendezeit, dienten jahrzehntelang im Passagierverkehr und finden heute in veränderter Funktion weiter Verwendung.
Ihre Transformation vom DDR-Import über den regulären Linienbetrieb bis hin zu spezialisierten Arbeitswagen spiegelt die Entwicklung des Rostocker Nahverkehrs wider. Die orangenen Tatras sind heute ein vertrauter Anblick für Nachtschwärmer und frühe Pendler – stille Zeugen einer bewegten Verkehrsgeschichte.



