Mietenexplosion in Güstrow: Wohnungssuche wird zur frustrierenden Odyssee
Die Wohnungssuche in der Barlachstadt Güstrow entwickelt sich für viele Menschen zu einer zermürbenden und frustrierenden Odyssee. Nettokaltmieten von 13 Euro pro Quadratmeter und mehr sind mittlerweile keine Seltenheit mehr, während ein offizieller Mietspiegel fehlt und private Vermieter die Preise in die Höhe treiben.
Speckgürtel-Effekt von Rostock treibt Preise
Güstrow profitiert und leidet zugleich unter seiner Lage im Speckgürtel von Rostock. Viele Pendler aus der Hansestadt, wo die Mieten explodieren, weichen in die nahegelegene Barlachstadt aus. Dies führt zu einer enormen Nachfrage, die das begrenzte Wohnungsangebot bei weitem übersteigt. Private Vermieter in der Innenstadt wissen um ihre Machtposition und verlangen mittlerweile 12 bis 16 Euro pro Quadratmeter netto kalt.
Die Situation wird durch den fehlenden Mietspiegel zusätzlich verschärft. Während in Rostock gesetzliche Regelungen wie die Mietpreisbremse und eine Kappungsgrenze von 15 Prozent alle drei Jahre gelten, herrscht in Güstrow bei Mieterhöhungen ein regelrechtes „Wildwest“-Gefühl. Hier sind 20 Prozent Erhöhung der Normalfall, und die Mietpreisbremse existiert nicht.
Hunderte Interessenten pro Wohnungsanzeige
Auf den gängigen Immobilienportalen wie ImmoScout oder ebay Kleinanzeigen tummeln sich oft bis zu 800 Interessenten auf einer einzigen Wohnungsanzeige. Die Konkurrenz ist erbarmungslos hart. Vermieter und Hausverwaltungen verlangen häufig bereits vor einem Besichtigungstermin Gehaltsnachweise, und viele Anfragen bleiben unbeantwortet oder werden plötzlich eingestellt.
Björn Kozic, Geschäftsführer der Integra Güstrow, machte bei der Suche nach Wohnungen für indische Arbeitskräfte ähnliche Erfahrungen: „In der Innenstadt war das einfach hoffnungslos.“ Interessant fand er jedoch, dass die Südstadt von Güstrow zunehmend an Attraktivität gewinnt, da viele Familien dort Wohnungen suchen. Dies könnte ein Hoffnungsschimmer sein, dass die sogenannten „Satellitenstädte“ weniger zu Brennpunkten werden.
Besondere Herausforderungen für Tierhalter
Für Wohnungssuchende mit Haustieren gestaltet sich die Situation besonders schwierig. Viele Vermieter akzeptieren keine Hunde oder Katzen, und spezielle Anforderungen wie ein Garten für Freigänger-Katzen oder barrierefreier Zugang für ältere Hunde schränken die Auswahl zusätzlich ein.
Kathrin Büttner, Mutter von Kindern mit einem Hund und zwei Katzen, beschreibt ihre einjährige Wohnungssuche als „wie die Nadel im Heuhaufen suchen“. Erst durch private Beziehungen fand die Familie schließlich eine bezahlbare Maisonettewohnung in der Innenstadt. „Die meisten Wohnungen gehen über Netzwerke weg, noch bevor sie als Anzeige geschaltet werden“, lautet ihre ernüchternde Erfahrung.
Rechtliche Beratung bestätigt problematische Entwicklung
Der Rostocker Anwalt Matthias Geißer, der auch in Güstrow im Rahmen der Sprechstunden des Mietervereins Rostock berät, bestätigt den besorgniserregenden Trend. „Bei mir sitzen hier vor allem Menschen wegen kräftig angezogener Betriebskosten. Aber auch die Grundmieten steigen sehr.“
Als Hauptgründe identifiziert er den mangelnden Neubau und die hohen Baukosten. „Handwerker kosten, und Bauen ist überall teuer. Da kann es schon sein, dass auch in Güstrow Neumieten für 14 Euro pro Quadratmeter und mehr aufgerufen werden.“
Politische Stimmen warnen vor weiterer Verschärfung
Constanze Oelrich, wohnungspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern, warnt: „Der Wohnungsmarkt im Land insgesamt spitzt sich zu.“ Sie betont, dass die soziale Realität sich dort entscheidet, wo Menschen heute eine Wohnung suchen: bei Neuverträgen, Umzügen und in Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt.
Besonders problematisch sind die steigenden Nebenkosten und Wärmepreise, die vermeintlich günstige Kaltmieten vollständig auffressen können. Zudem fallen mehr Sozialwohnungen weg, als neue entstehen – eine Entwicklung, die die Situation für einkommensschwächere Haushalte zusätzlich verschärft.
Während die Situation in Güstrow außerhalb der gefragten Lagen noch etwas entspannter ist als in Rostock, wo selbst Randgebiete wie Lütten Klein nahezu ausgereizt sind, besteht die Tendenz, dass es auch in der Barlachstadt bald eng wird. Die Ausweichbewegung aus Rostock heraus macht Güstrow zwar attraktiver als kleinere Städte im Umfeld wie Schwaan oder Bützow, aber die Mietenexplosion zeigt deutlich: Der Speckgürtel-Effekt hat seinen Preis.



