Drei Briefe blieben: Tochter arbeitet Schicksal ihres in DDR-Gefängnis verstorbenen Vaters auf
Fleischermeister Walter Schütt, geboren 1907 in Drewin bei Neustrelitz, erlitt ein tragisches Schicksal während der DDR-Zeit. Vom Ministerium für Staatssicherheit wurde er enteignet und inhaftiert, seine Familie stand plötzlich ohne ihn da und sollte ihn nie wieder sehen. Nach mehreren Jahren Haft verstarb er im Zuchthaus im sächsischen Bautzen.
Traum von eigener Fleischerei in Altstrelitz
Seine Tochter Barbara Butzke hat nun, knapp 70 Jahre später, ein Buch über ihn verfasst. Nachdem Walter Schütt sein Fleischerhandwerk mit einer Gesellenprüfung in Berlin abgeschlossen hatte, zog die Familie zunächst nach Klein Trebbow und später nach Altstrelitz. Der Traum von einer eigenen Fleischerei erfüllte sich schließlich in der Wesenberger Straße 3 in Altstrelitz, wo Familie Tessmann aus Krankheits- und Altersgründen einen Laden an die Familie verpachtete.
Walter Schütt schlachtete die Tiere umliegender Bauern und verarbeitete das Fleisch zu Wurst und Speck. „Doch mit dem Wegfall der Lebensmittelkarten am 28. Mai 1958 begannen die staatlichen Kontrollen“, berichtet Barbara Butzke. Die SED-Kreisleitung habe gezielte Aktionen gegen Privateigentum geplant. Das Fleischereigeschäft wurde am 1. Juni 1958 bei einer Hausdurchsuchung gestürmt, Walter Schütt von der Volkspolizei abgeholt und enteignet. Seine Spar- und Geschäftskonten wurden eingefroren, die Geschäftsräume verplombt.
Verwüstung und Diffamierung
Der Fleischermeister hatte die Ware der Bauern separiert, was ihm zum Verhängnis wurde. Alle Türen wurden aufgerissen, Chaos herrschte in der Wohnung, alles wurde durcheinander geworfen, beschreibt Barbara Butzke die Hausdurchsuchung. Ihr Vater wurde am 2. Juni in der Zeitung als Spekulant diffamiert, angeblich habe Ware gefehlt. Bereits am 3. Juni übernahm die Staatliche Handelsorganisation das Geschäft, um die Ware zu verkaufen. Die Ehefrau von Walter Schütt stand mit zwei kleinen Kindern plötzlich allein und mittellos da.
Letzte Erinnerungen und Gefängniszeit
Walter Schütt landete im Untersuchungsgefängnis in Altstrelitz, wurde zu einem Jahr und neun Monaten verurteilt und musste 3000 Mark Strafe sowie Gerichtskosten zahlen. Das einzige, was seiner Tochter blieb, waren drei handgeschriebene Briefe in einer Kiste und ein letzter Blick auf seine Hand am Gefängnisfenster, die den Kindern winkte. Danach sah Barbara Butzke ihren Vater nie wieder.
Später wurde sie Malerin und arbeitete lange an einem Theater in Berlin. Mittlerweile 78 Jahre alt, möchte sie die Ehre ihres Vaters wiederherstellen. Ihm sei zu Unrecht die Freiheit genommen worden. „Es wurde so viel Schmutz auf ihn gehäuft“. Bei einem Besuch im ehemaligen Gefängnis in Altstrelitz konnte sie nach vielen Jahren die Gefängniszelle ihres Vaters sehen, was ihr viel bedeutete. „Dass ich das noch erleben darf“.
Harte Haftbedingungen in Bautzen
Nach dem Gefängnisaufenthalt in Altstrelitz kam Walter Schütt zunächst ins Arbeitslager Schwarze Pumpe bei Cottbus, später wurde er ins Gefängnis nach Bautzen verlegt, wo er verstarb. Anfang 1950 übergab die sowjetische Besatzungsmacht die Landesstrafanstalt wieder an die deutsche Verwaltung, berichtet die Stiftung Sächsische Gedenkstätte. Nicht die Justiz, sondern die Deutsche Volkspolizei wurde neue Hausherrin und übernahm Bautzen I mit 6000 politischen Gefangenen.
Im März 1950 kam es zu einem Haftaufstand, der niedergeknüppelt wurde. Aus dem Gefängnis geschmuggelte Appelle gelangten in den Westen und prägten später den Begriff „Gelbes Elend“. Überfüllung, schlechte Ausstattung, wenig Bildungsangebote und Gewalt unter Gefangenen bestimmten trotz Überwindung der schlimmsten Notstände der 1950er Jahre den Haftalltag im DDR-Strafvollzug. Im Oktober 1989 befanden sich 2100 Menschen in Bautzen I, das damit um 40 Prozent überbelegt war.
Sein Ziel, Gefangene durch Arbeit in die sozialistische Gesellschaft wieder einzugliedern, konnte der Strafvollzug der DDR nicht einlösen. Politisch gewollte Abschreckung durch harte Haftbedingungen überwog. In Bautzen wie in allen anderen Haftanstalten der DDR gab es immer auch Menschen, die aus politischen Gründen inhaftiert wurden.
Buch und Dokumentation
Barbara Wilhelmine Butzke hat das Buch über das Schicksal ihres Vaters in kleiner Stückzahl drucken lassen, ein Verlag wird noch gesucht. Wer sich für „Wilhelmine - Mit dem Unrecht leben lernen“ interessiert, kann Barbara Butzke per E-Mail kontaktieren. Das Schicksal wurde zudem in der ehemaligen Stasi-Haftanstalt in Neustrelitz zu einer Videodokumentation für Besucher aufgearbeitet.



