Stolperstein-App in Pasewalk: Jüdische Biografien digital entdecken und virtuell gedenken
Stolperstein-App in Pasewalk: Jüdisches Leben digital erkunden

Stolperstein-App in Pasewalk: Jüdische Biografien digital entdecken und virtuell gedenken

In Pasewalk sind 78 Stolpersteine zum Gedenken an ehemalige jüdische Mitbürger verlegt worden. Die Lebensläufe dieser Menschen können nun auch digital erkundet werden. Bei einer Gedenkveranstaltung am Pflegeheim St. Spiritus wurde die innovative „Stolperstein-App“ vorgestellt, die von Teilnehmern direkt mit ihren Handys ausprobiert wurde.

Digitale Zugänge zu historischen Schicksalen

Was für ein Mensch war Adolf Lewin? Wo wohnte er? Was machte er beruflich? Wie groß war seine Familie? Diese Fragen beantwortet die neue App anschaulich. Angela Stegemann vom Förderverein des Museums der Stadt Pasewalk kann zwar viel über Adolf Lewin und weitere jüdische Familien berichten, doch man muss nicht persönlich bei Veranstaltungen anwesend sein, um diese Informationen zu erhalten. Die Lebensläufe der einstigen Pasewalker Juden sind nun digital zugänglich.

Die App wurde von MV-Kulturministerin Bettina Martin (SPD) gemeinsam mit dem Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, Jochen Schmidt, und der Firma Dataport präsentiert. Während der Gedenkveranstaltung richtete auch Landesrabbiner Yuriy Kadnykov ein bewegendes Grußwort an die Anwesenden.

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Virtuelle Kerzen und bundesweite Pläne

Laut Lars Mischak von Dataport lassen sich mit der App die Stolpersteine per Handy scannen. So können Nutzer die digital aufbereiteten Lebensgeschichten der Menschen nachlesen. Besonders berührend ist die Möglichkeit, virtuelle Kerzen an den Steinen zu platzieren – ein modernes Gedenkritual, das während der Veranstaltung an den sechs Stolpersteinen im St. Spiritus demonstriert wurde.

Ministerin Martin erklärte, dass Pasewalk der sechste Standort in Mecklenburg-Vorpommern ist, an dem die App eingerichtet wurde. Rund 400 Stolpersteine sind bislang in der App abrufbar – das entspricht etwa der Hälfte aller Stolpersteine im Bundesland. Die App wurde im Januar 2025 zunächst für die Stolpersteine in Schwerin vorgestellt. Langfristig sollen alle rund 90.000 Stolpersteine in Deutschland digital erfasst werden. Das Projekt wird durch Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung gefördert und seit November 2025 bundesweit vorangetrieben.

Erinnerung für jüngere Generationen

„Wir stehen heute vor der Aufgabe, Erinnerung weiterzutragen – auch in einer Zeit, in der immer weniger Zeitzeugen unter uns sind und sich deshalb Formen des Gedenkens verändern müssen“, betonte Kultusministerin Bettina Martin. „Genau hier setzt die ‚Stolperstein-App‘ an. Sie sorgt dafür, dass Erinnerung sichtbar bleibt – auch für jüngere Generationen. Namen werden zu Geschichten. Daten werden zu Schicksalen. Die App verbindet Orte mit Biografien, Geschichte mit Gegenwart.“

Die Ministerin wies besonders darauf hin, wie wichtig diese Arbeit in einer Zeit sei, in der antisemitische Einstellungen leider wieder zunehmend offen artikuliert werden und demokratische Grundwerte unter Druck geraten. Erinnerung sei kein Blick zurück aus Nostalgie, sondern eine Verpflichtung für die Gegenwart.

Ehrenamtliches Engagement gewürdigt

Jochen Schmidt dankte der Firma Dataport, die auf die Landeszentrale zugekommen war und das Projekt angeregt hatte. Besonderer Dank galt Egon Krüger aus Pasewalk, der sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Geschichte der Pasewalker Juden beschäftigt hat und auf dessen Initiative die 78 Stolpersteine in Pasewalk verlegt wurden. Schmidt betonte, dass Erinnerung solches ehrenamtliche Engagement brauche.

Landesrabbiner Yuriy Kadnykov hob hervor, dass die einstigen jüdischen Bürger Pasewalk mit ihrem Wirken vorangebracht hätten. Mit ihrer Deportation im Februar sei ihr Leben abgebrochen worden. Die App sei nicht nur wichtig für Pasewalk, sondern auch für Gäste der Stadt, die darüber Geschichte erfahren könnten.

Ausstellung „Jüdische Portraits“ im Rathaus

Parallel zur App-Vorstellung wurde im Pasewalker Rathaus die Ausstellung „Jüdische Portraits“ eröffnet, die bis Mitte März zu sehen ist. Museumsleiterin Maria Mischke eröffnete die Präsentation, die ein wichtiges Stück Geschichte sichtbar mache. Viele der gezeigten Informationen beruhen auf der intensiven Forschung von Egon Krüger.

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Jüdisches Leben in Pasewalk lasse sich bereits im 14. Jahrhundert nachweisen, erklärte die Museumsleiterin. Mit der Gründung einer Synagogengemeinde im Jahr 1820 und der Einweihung der Synagoge 1834 habe sich Pasewalk zeitweise zu einem bedeutenden Zentrum jüdischen Lebens in Vorpommern entwickelt.

Stolpersteine als sichtbare Zeichen im Stadtbild

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen laut Maria Mischke die 78 Stolpersteine, die seit 2005 in Pasewalk verlegt wurden. Sie markieren Orte, an denen einst Leben war und machen Geschichte im Stadtbild sichtbar. Die Präsentation wird durch zwei Exponate aus dem Depot des Museums ergänzt: eine Menora als religiöses Symbol jüdischen Glaubens sowie drei originale Stolpersteine.

Kurz vor ihrer Enthüllung im Jahr 2005 seien die ausgestellten Stolpersteine in der Haußmannstraße geschändet worden. Auch dies gehöre zur Geschichte dieser Ausstellung. Es zeige, dass Erinnerung nicht selbstverständlich sei, sondern Aufmerksamkeit und Schutz brauche – ein Umstand, der die Bedeutung digitaler Zugänge wie der neuen App zusätzlich unterstreicht.