Stolpersteine in Wesenberg: Mahnmale gegen politische Willkür
In der idyllischen Kleinstadt Wesenberg im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte wurden jetzt drei goldene Stolpersteine vor der Bäckerei Reinhold in der Hohen Straße verlegt. Die besonderen Gedenksteine erinnern an das tragische Schicksal dreier Einwohner, die wegen ihres Glaubens als Zeugen Jehovas sowohl von den Nationalsozialisten als auch später in der DDR verfolgt und verurteilt wurden.
Initiative von Schülern und emotionale Beteiligung der Nachfahren
Möglich wurde die Verlegung durch die engagierte Arbeit der AG Kriegsgräber der Europaschule Rövershagen. Schülerinnen und Schüler recherchierten gemeinsam mit Historiker Falk Bersch die Lebenswege von Frieda und Johann Winks sowie Paul Kracht. Die Verlegung selbst übernahm der Künstler Günter Demnig, der mit seinen Stolpersteinen europaweit an Opfer des Nationalsozialismus erinnert.
Besonders bewegend war die Anwesenheit der Nachfahren der Familie Winks, die extra aus Hamburg und Duisburg angereist waren. Enkelin Karin Winks, Urenkelin Verena Winks und Enkel Wolfgang Winks verarbeiteten gemeinsam das Familienschicksal. „Nur mit unserem Glauben können wir aushalten, was unserer Familie zugestoßen ist“, erklärte Karin Winks emotional. Heute könne die Familie in vierter Generation ihren Glauben frei ausleben.
Doppelte Verfolgung: Von den Nazis und in der DDR
Die historischen Recherchen offenbarten erschütternde Details:
- Frieda Winks (geborene Kracht) wurde am 14. September 1899 in Wesenberg geboren
- Johann (Janis) Winks kam am 10. August 1891 in Karkelbeck im damaligen Ostpreußen zur Welt
- Das Paar heiratete 1918 in Wesenberg und kehrte 1927 mit fünf Kindern aus dem Memel-Land zurück
Im Februar 1937 verurteilte das Schweriner Sondergericht beide wegen Organisation und Teilnahme an Zusammenkünften der Zeugen Jehovas sowie Besitz von Literatur ihrer Glaubensgemeinschaft. Johann erhielt ein Jahr Gefängnis, Frieda neun Monate. Die Richter unterstellten ihnen Kriegsdienstverweigerung.
Die Verfolgung setzte sich in der DDR fort: 1950 wurde Johann Winks erneut verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein Sohn Fritz erhielt im gleichen Prozess acht Jahre Zuchthaus wegen angeblicher „Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen“.
Paul Kracht: Tod in der Heilanstalt Domjüch
Das dritte Schicksal betrifft Paul Kracht, der nach einem KZ-Aufenthalt 1938 in die Heilanstalt Domjüch eingewiesen wurde und dort ums Leben kam. Er hinterließ keine direkten Angehörigen, doch sein Andenken wird durch den Stolperstein bewahrt.
Bürgermeister warnt vor aktuellen Gefahren
Wesenbergs Bürgermeister Steffen Rißmann (CDU) betonte bei der Gedenkveranstaltung die aktuelle Brisanz: „Europaweit sind wieder dunkle Wolken aufgezogen. Wir brauchen eine wehrhafte Gesellschaft, um uns den Anfängen zu widersetzen“, mahnte er. Die Stolpersteine sollten Menschen wachrütteln und die Resilienz der Gesellschaft stärken.
Der Standort vor der Bäckerei wurde bewusst gewählt – hier herrscht durch Supermärkte und Tourismus eine hohe Besucherfrequenz. Musikalisch begleiteten die Sechstklässlerinnen Elisa Richter (Klarinette) und Mette Henning (Gitarre) die bewegende Zeremonie, während Bürgermeister Rißmann Blumen für die ehemaligen Wesenberger Bürger niederlegte.
Die drei goldenen Steine in der Hohen Straße sind nicht nur persönliche Erinnerungsmale, sondern auch eindringliche Mahnungen gegen politische Willkür, Verfolgung und Repressalien gegen Andersdenkende. Sie halten die Erinnerung an dunkle Kapitel deutscher Geschichte wach und fordern zur Wachsamkeit in der Gegenwart auf.



