Warme Füße und Reisbrei: Warum China plötzlich zum Lifestyle-Trend in Deutschland wird
China-Trend: Warum Deutsche plötzlich warme Füße und Reisbrei lieben

Warme Füße und Reisbrei: Warum China plötzlich zum Lifestyle-Trend in Deutschland wird

Morgens mit einem traditionellen Reisbrei starten, dazu warmes Wasser trinken und die Füße stets in Hausschuhen warm halten: Alltagsroutinen aus China erobern aktuell deutsche Social-Media-Plattformen. Der Trend unter dem Hashtag "Becoming Chinese" oder "Chinamaxxing" zeigt junge Menschen, die bewusst chinesische Gewohnheiten übernehmen.

Von Frankfurt nach Peking: Die Morgenroutine wird chinesisch

Eine Tiktokerin aus Frankfurt am Main demonstriert ihre neue Morgenroutine: Sie gibt chinesische Datteln, Rosenblüten, Goji-Beeren und eine Zitronenscheibe in heißes Wasser. "Meine Morgenroutine seit ich Chinesin geworden bin", kommentiert sie das Video. Solche Beiträge verbreiten sich zuhauf auf Instagram und Tiktok, wo vor allem junge Nutzer zeigen, wie sie Knochenbrühe trinken, traditionellen Reisbrei kochen oder abends Apfel-Tee für die Verdauung genießen.

Traditionelle Medizin trifft auf moderne Sehnsüchte

Die Rituale basieren auf traditioneller chinesischer Medizin, von der sich die Internetgemeinde einen gesünderen Lebensstil verspricht. "Gleich mehrere Entwicklungen tragen zur derzeitigen Popularität bei", erklärt Trendexperte Ulrich Köhler von der Beratungsfirma Philoneos. Viele Menschen erlebten ihre westliche Lebenswelt als hektisch, schnell und unausgeglichen. Dadurch sei eine Sehnsucht nach Balance, Achtsamkeit und alternativen Lebensstilen entstanden.

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Köhler beobachtet zudem eine mediale Aufwertung von China-Themen: "Kritische Themen spielen in der Berichterstattung nur noch eine Nebenrolle. Im Vordergrund stehen die Faszination über technologische Fortschritte sowie die sichtbare Ordnung und Sicherheit weiter Teile der Gesellschaft."

Von den USA nach Europa: Die Entstehung des Trends

Wie so oft kommt der Trend aus den USA, von wo sich die China-Romantisierung nach Europa ausbreitete. Als Ausgangspunkt gilt ein vielfach geteilter Beitrag mit dem Motto "You met me at a very chinese time of my life" in Anlehnung an den Film "Fight Club". Unter diesem Slogan vervielfältigte sich der Trend, der auch als "Chinamaxxing" bekannt ist - eine Wortschöpfung aus dem Videospiel-Bereich, bei dem man maximale Fähigkeiten aus einem Charakter herausholt.

Donald Trumps ungewollter Beitrag zum China-Trend

Einige Beobachter sehen auch einen Zusammenhang mit der US-Politik. Zu Beginn seiner ersten Amtszeit strebte Präsident Donald Trump ein Tiktok-Verbot an, was bei vielen Nutzern einen kurzzeitigen Exodus zum chinesischen Instagram-Pendant "Xiaohongshu" auslöste. Auf die drohende Sperre folgte der aufsehenerregende China-Besuch des US-Youtubers Darren Watkins Jr., bekannt als "IShowSpeed".

Der Influencer tourte zwei Wochen durch China, zeigte seinen Millionen Zuschauern traditionelle Kleidung, kulinarische Köstlichkeiten und futuristische Städte. Beobachter werteten dies als Soft-Power-Gewinn für Peking - also eine Einflussnahme über Kultur. In Deutschland sorgte Trumps europakritischer Kurs mit seiner "America First"-Politik zusätzlich für Verunsicherung im transatlantischen Bündnis.

Chinas Soft-Power-Strategie zeigt Wirkung

Chinas Staatsmedien bewerten den aktuellen Trend als Soft-Power-Erfolg. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua kommentierte: "Der Trend 'Becoming Chinese' spiegelt einen tieferen Wandel weg von der Nachahmung eines Lebensstils hin zur Anpassung der Werte wider." Der Trend sei kein Zufall, sondern das Ergebnis der "unerschütterlichen Öffnung, technologischen Innovation und kulturellen Anpassung".

Wahrnehmungswandel durch chinesische Produkte

Finanzmarkt-Analyst Guo Shiliang beobachtet einen grundlegenden Wandel: "Ich glaube, dass die beschleunigte globale Expansion chinesischer Produkte – wie BYD, Midea und Haier – die Wahrnehmung des chinesischen Marktes durch die Verbraucher weltweit verändert." Das westliche Publikum akzeptiere chinesische Produkte zunehmend, wobei Anwendungen wie Tiktok und Temu dabei helfen würden.

Interessanterweise sieht laut einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur fast jeder zweite Deutsche die Vereinigten Staaten eher als Gegner denn als Partner. Die Abneigung ist sogar größer als gegenüber China – obwohl Brüssel und Berlin vor Sicherheitsbedenken im Bereich Netztechnik warnen.

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Die Kehrseite des schnellen Trends

Trendexperte Köhler warnt jedoch vor Vereinfachungen: "Es werden die immer gleichen Ess- und Trinkrituale, die gleichen kulturellen Eigenarten gezeigt." Es drohe das, was auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok oft passiere: "Ein Lifestyle-Trend verbreitet sich schnell und unreflektiert, um nach wenigen Wochen wieder zu verschwinden."

Der aktuelle China-Trend zeigt somit nicht nur eine neue Form der kulturellen Aneignung, sondern auch tiefere gesellschaftliche Sehnsüchte und geopolitische Verschiebungen. Ob es sich um einen nachhaltigen Wandel oder einen kurzlebigen Social-Media-Hype handelt, bleibt abzuwarten.