Sprachbasierte KI revolutioniert den Pflegealltag in Mecklenburg-Vorpommern
Künstliche Intelligenz in der Pflege löst bei vielen Menschen zunächst Unbehagen aus - die Vorstellung von Robotern, die menschliche Zuwendung ersetzen, schreckt ab. Doch in der Realität zeigt sich ein gegenteiliger Effekt: Moderne KI-Lösungen schaffen genau mehr Raum für zwischenmenschliche Kontakte, indem sie zeitaufwendige Verwaltungsaufgaben übernehmen.
Die Dokumentationslast im Pflegealltag
„Ich habe mich doch nicht für diesen Beruf entschieden, um zu schreiben. Ich will mit Menschen arbeiten.“ Dieser Satz ist in Kliniken, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen allgegenwärtig. Die Dokumentation gehört zu den lästigsten Pflichten im Gesundheitswesen, wie Franziska Hain, Vorständin des Schweriner Netzwerks für Menschen, bestätigt. Das Netzwerk betreibt in der Landeshauptstadt insgesamt sieben Pflegeheime.
Allein die Aufnahme eines neuen Heimbewohners nimmt in den meisten Fällen zwei bis drei Stunden in Anspruch, manchmal sogar noch mehr. Dass umfangreiche Dokumentation der Patientensicherheit und Qualitätssicherung dient, stellt Hain nicht in Frage. Doch der zeitliche Aufwand sei enorm: „Im Schnitt sitzt jede Pflegefachkraft täglich wenigstens eine dreiviertel Stunde am Computer - Zeit, die bei der Betreuung der Bewohner fehlt.“
Voize: Sprechen statt schreiben
Wie man diese wertvolle Zeit zurückgewinnen kann, wird aktuell in vier zum Netzwerk gehörenden Sozius-Pflegeheimen getestet. Mit Voize, einer durch Künstliche Intelligenz unterstützten Dokumentationslösung, hat sich ein vielversprechender Ansatz etabliert. Claudia Rieckhof, stellvertretende Pflegedienstleiterin im „Haus am Grünen Tal“, ist nach wenigen Monaten bereits absolut vom Nutzen der KI-gestützten Anwendung überzeugt.
Statt Daten auf Zetteln zu notieren oder im Kopf zu behalten, bis sie am Stations-PC eingegeben werden können, sprechen die Pflegefachkräfte direkt nach der Medikamentengabe oder der Messung relevanter Vitalwerte in ihr Diensthandy. Auf diesem ist die Voize-App installiert. Auch Ess- und Trinkprotokolle, pflegerische Maßnahmen und Beobachtungen wie „Patient hat schlecht geschlafen“ oder „XY klagt über Appetitlosigkeit“ lassen sich so quasi im Vorbeigehen erfassen.
Voize erkennt das Gesprochene nicht nur, sondern weist die einzelnen Daten bestimmten Kategorien zu und überträgt sie automatisch in die entsprechenden Abschnitte der Dokumentation. Das Programm kann aus Sprachfetzen ganze Sätze formulieren - „und sogar richtig Kommas setzen“, wie Franziska Hain registriert hat. Für jeden Patienten individuell hinterlegte Warnwerte minimieren Fehlerquellen. „Die Fachkraft muss aber sowieso noch einmal auf dem Bildschirm alles kontrollieren, bevor sie die Datenübermittlung freigibt“, erklärt Claudia Rieckhof.
Lernfähiges System mit breiter Akzeptanz
„Noch lernen wir ständig dazu - und das System auch“, betont die stellvertretende Pflegedienstleiterin. Voize könnte mit zusätzlichen Fachbegriffen „gefüttert“ werden, hat aber bereits gelernt, Dialekte zu erkennen. „Und selbst unsere philippinischen Pflegekräfte, die noch nicht fließend Deutsch sprechen, können damit hervorragend arbeiten“, lobt Franziska Hain.
Die Akzeptanz unter den Mitarbeitern ist sehr groß - schließlich haben sie sich den KI-gestützten Helfer selbst ausgesucht. Alles begann 2024 auf einer Zukunftskonferenz, die die Mitarbeiter selbst vorbereitet hatten. Digitalisierung und KI waren dabei einer von mehreren Schwerpunkten, und verschiedene bereits am Markt befindliche Lösungen wurden vorgestellt. „Die Anwesenden sollten dann entscheiden, mit welcher gestartet werden soll - und das wurde Voize.“
Messbare Erfolge und finanzielle Aspekte
Wie viel das Netzwerk für die entsprechenden Lizenzen bezahlt, beziffert Franziska Hain nicht konkret, es sei aber „schon richtig viel Geld“, das sich auszugeben lohne. Nach ersten Auswertungen in den Piloteinrichtungen hat sich die Dokumentationszeit binnen kurzer Zeit gravierend verringert. Bei einer Neuaufnahme ins Heim reicht in der Mehrzahl der Fälle jetzt eine halbe Stunde Schreibarbeit aus.
Auch die bezahlte Mehrarbeit von Mitarbeitern hat abgenommen: Schrieben vor der Einführung der KI-gestützten Anwendung noch 56 Prozent der Mitarbeiter selten und 28 Prozent sogar regelmäßig Überstunden, sind es dank Voize jetzt insgesamt nur noch sechs Prozent. Das sei auch finanziell eine Entlastung fürs Unternehmen, unterstreicht die Netzwerk-Vorständin.
Dennoch würde sie sich wünschen, dass auch die Kranken- und Pflegekassen sich an den Kosten der Digitalisierung im Pflegebereich beteiligen. Noch gebe es dafür keine Kompensation. Immerhin wird das Vorhaben mit 50.000 Euro vom Land gefördert. Das ermöglicht, dass sich eine Koordinatorin um die Voize-Einführung im Netzwerk kümmern kann und die Verbindung zum Schweriner Digital-Innovationszentrum (DIZ) zustandegekommen ist.
Zukunftsaussichten und konkrete Vorteile
DIZ-Mitarbeiter Yves Naumann blickt bereits voraus: In der Kurzzeitpflege könnte Voize sogar noch mehr helfen - „weil dort der Patientendurchlauf noch viel größer ist und also noch viel mehr der zeitaufwendigen Aufnahme-Gespräche und -Untersuchungen dokumentiert werden müssen.“
Auch im Heim ist der Nutzen vielfältig: Schichtübergaben werden leichter, und eine ganz neue Funktion in Voize ermöglicht es den Teammitgliedern, untereinander Nachrichten zu verschicken, wie Projekt-Koordinatorin Vivien Cordes aufzählt.
Am meisten profitieren jedoch die Bewohner: Die sprachbasierte KI gibt jedem Teammitglied im Durchschnitt 43 Minuten pro Tag zurück, wie eine erste Zwischenauswertung des Projektes ergab. „Wir haben wieder mehr Zeit für unsere Bewohner, können ihnen vorlesen oder auch mal ein Spiel spielen“, erklärt Claudia Rieckhof. Und das ist nicht mit Geld zu bezahlen.



