Der zweifache Nobelpreisträger und sein fataler Vitamin-C-Irrtum
Linus Pauling zählt zu den brillantesten Wissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Der amerikanische Forscher erhielt nicht nur einen Nobelpreis für Chemie, sondern auch einen für Frieden – beide im Jahr 1963. Doch ausgerechnet dieser gefeierte Geist entpuppte sich im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel als Verbreiter wissenschaftlich unhaltbarer Thesen.
Vom genialen Chemiker zum missionarischen Vitamin-C-Verfechter
In den 1960er-Jahren griff Pauling die Idee des Arztes Irwin Stone auf, täglich hochdosiertes Vitamin C einzunehmen. Stone hatte Pauling nach einer Preisverleihung in New York einen Brief geschrieben und ihm sein „Geheimrezept“ angeboten: täglich 3 Gramm Vitamin C, die angeblich bis zu 50 zusätzliche Lebensjahre bringen sollten.
Pauling interpretierte seine subjektiven Erfahrungen – weniger Infekte und besseres Wohlbefinden – als wissenschaftlichen Beleg und entwickelte daraus das Konzept der „orthomolekularen Medizin“. Diese sollte Krankheiten mit extrem hohen Vitamin- und Mineralstoffdosen vorbeugen oder sogar heilen können.
Der anhaltende Hype und die wissenschaftliche Realität
Der bis heute andauernde Vitamin-C-Hype ist zum großen Teil auf den Bekanntheitsgrad des einzigen zweifachen Nobelpreisträgers zurückzuführen. Doch viele Wissenschaftler hielten Pauling zunehmend für einen Spinner, wie der Wissenschaftsjournalist Bas Kast in seinem neuen Ratgeber „Der Vitamin- und Nährstoff-Kompass“ schreibt.
Die moderne Studienlage zeigt ein klares Bild: Vitamin C kann Erkältungssymptome geringfügig lindern und die Krankheitsdauer etwas verkürzen. Es verhindert jedoch weder zuverlässig Infektionen noch Krebs. Viele von Paulings weitreichenden Heilversprechen wurden bereits zu seinen Lebzeiten und erst recht nach seinem Tod wissenschaftlich widerlegt.
Ein tragisches Ende und eine wichtige Lehre
Ironischerweise starb Linus Pauling 1994 an den Folgen von Prostatakrebs – einer Krankheit, gegen die er hochdosiertes Vitamin C als wirksames Mittel propagiert hatte. Sein missionarischer Eifer in dieser Hinsicht hat seinem wissenschaftlichen Ruf erheblich geschadet.
Die Geschichte von Linus Pauling und Vitamin C steht exemplarisch dafür, wie selbst geniale Wissenschaftler auf Abwege geraten können, wenn sie subjektive Erfahrungen über objektive Evidenz stellen. Sie erinnert daran, dass wissenschaftlicher Ruhm keine Garantie für korrekte Aussagen in allen Fachgebieten bietet und dass kritische Überprüfung stets notwendig bleibt.



