Cannabis-Zwischenbilanz nach zwei Jahren Teillegalisierung: XL-Markt mit Schattenseiten
Cannabis-Zwischenbilanz: XL-Markt mit Schattenseiten

Cannabis-Zwischenbilanz nach zwei Jahren Teillegalisierung: Deutschland als europäischer XL-Markt mit deutlichen Schattenseiten

Zwei Jahre nach der umstrittenen Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland legt ein wissenschaftlicher Zwischenbericht eine vielschichtige Analyse vor. Forscher der Universitäten Düsseldorf, Hamburg und Tübingen haben Entwicklungen im Gesundheitsschutz und bei der Bekämpfung des Schwarzmarktes untersucht – mit gemischten Ergebnissen.

Deutschland als europäischer Cannabismarktführer mit Transparenzproblemen

Die Evaluation zeigt aufhorchende Dimensionen: Deutschland hat sich zum größten prinzipiell legal-kommerziellen Cannabismarkt Europas entwickelt. Im Jahr 2025 wurden laut dem Bericht 200 Tonnen medizinisches Cannabis legal-kommerziell importiert – ein Anstieg von 198 Prozent gegenüber 2024. Der Import erfolgt vorwiegend aus Kanada und ist privatwirtschaftlich organisiert.

„Es gibt in keinem anderen europäischen Land einen legalen Cannabismarkt in dieser Größenordnung“, betont Suchtforscher Jakob Manthey vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Koordinator des Forschungsprojekts. Allerdings bleiben Fragen offen: Die Transparenz über die tatsächliche Verwendung der importierten Mengen ist begrenzt, und es gibt Hinweise darauf, dass Deutschland auch als Verteilzentrum fungiert.

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Schwarzmarktbekämpfung: Langsame Verdrängung bei anhaltenden Problemen

Die Analyse zeigt erste Anzeichen dafür, dass der Schwarzmarkt langsam durch legale Angebote verdrängt wird. Ein leicht wachsender Konsumanteil stammt mittlerweile aus legalen Quellen. Dennoch beklagt die Polizei weiterhin erhebliche Schwierigkeiten bei der Verfolgung des fortbestehenden illegalen Cannabis-Handels.

Kriminologe Jörg Kinzig von der Universität Tübingen erklärt: „Strafverfolgungsbehörden beklagten, dass Kriminalität mit Bezug zu Cannabis schwerer bekämpft werden könne.“ Eine Befragung von über 2.000 Kriminalpolizisten ergab, dass es schwieriger geworden sei, Schwarzmarkt-Akteure zur Rechenschaft zu ziehen.

Gesundheitsrisiken und Jugendschutz als kritische Punkte

Besorgniserregend sind die Entwicklungen im Gesundheitsbereich: Die Analyse kritisiert, dass für therapeutische Zwecke häufig Medizinalcannabis mit zu hohem Wirkstoffgehalt verschrieben wird, was erhöhte Gesundheitsrisiken birgt. Gleichzeitig sind frühe Interventionen zur Suchtvorbeugung bei Kindern und Jugendlichen deutlich zurückgegangen.

Suchtforscher Daniel Kotz aus Düsseldorf erläutert einen möglichen Grund: „Bei Cannabis-Auffälligkeit wird nun in der Regel keine Strafanzeige mehr erstattet – es sei denn, der junge Mensch mache sich strafbar oder gefährde andere.“ Dadurch gebe es kaum noch verpflichtende Zuweisungen in Frühinterventionskurse durch die Justiz.

Politische Reaktionen und Forderungen nach Korrekturen

Aus dem Unionsteil der Bundesregierung kommen deutliche Kritik und Rufe nach Nachbesserungen. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) bezeichnet die Legalisierung als Fehler und warnt vor der „verschwommenen Grenze zwischen Konsumcannabis und Cannabis zu rein medizinischen Zwecken“.

Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) geht noch weiter: „Das Legalisierungsgesetz sei ein vollkommener Rohrkrepierer. Der Schwarzmarkt boomt, die Kriminalität steigt.“ Familienministerin Karin Prien (CDU) fordert Nachsteuerungen bei der Suchtprävention für Kinder und Jugendliche.

Rechtlicher Rahmen und praktische Umsetzung

Seit dem 1. April 2024 erlaubt das Cannabisgesetz Erwachsenen:

  • Den Anbau von bis zu drei Pflanzen in Wohnungen
  • Die Aufbewahrung von bis zu 50 Gramm Cannabis
  • Das Mitführen von 25 Gramm unterwegs

Zugelassen sind auch nicht-kommerzielle Anbauvereinigungen mit bis zu 500 Mitgliedern, allerdings spielen diese laut Bericht bisher eine untergeordnete Rolle bei der Verdrängung des Schwarzmarktes. Die Genehmigungsverfahren werden als zu komplex kritisiert.

Für eine abschließende Bewertung sei es noch verfrüht, betonen die Forscher. Der Gesamtbedarf an Cannabis in Deutschland wird auf 670 bis 823 Tonnen pro Jahr geschätzt. Ein Abschlussbericht soll erst im April 2028 vorgelegt werden – bis dahin bleiben viele Fragen offen, insbesondere zur Wirkung auf die Organisierte Kriminalität.

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