Termingarantie für Fachärzte? KBV-Chef nennt SPD-Vorschlag 'Bullshit'
Termingarantie für Fachärzte? KBV-Chef nennt SPD-Vorschlag 'Bullshit'

Heftige Kontroverse um Facharzt-Termingarantie

Die Debatte um lange Wartezeiten bei Fachärzten hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat den Vorschlag einer gesetzlichen Termingarantie innerhalb von drei Wochen mit ungewöhnlich deutlichen Worten zurückgewiesen. KBV-Vorsitzender Andreas Gassen bezeichnete die Forderung als "Bullshit" und warnte vor "sozialistischer Regelungswut".

SPD-Forderung stößt auf massiven Widerstand

Auslöser der Kontroverse ist eine Initiative von SPD-Fraktionschef Matthias Miersch, der kürzlich einen gesetzlichen Anspruch auf zeitnahe Facharzttermine gefordert hatte. Als angemessene Frist nannte er dabei drei Wochen. Diese Position wurde zuvor bereits vom ehemaligen Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vertreten, der ebenfalls eine Termingarantie für gesetzlich Versicherte verlangt hatte.

Gassen argumentiert vehement gegen diese Pläne: "Unser System wird vor die Wand fahren, wenn wir nicht endlich verbindliche Regeln schaffen, die auf dem medizinischen Bedarf beruhen und nicht auf persönlichen Wünschen von wem auch immer." Der KBV-Chef äußerte sich gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) und verdeutlichte damit die tiefe Kluft zwischen politischen Forderungen und ärztlicher Praxis.

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Krankenkassen und Patientenschützer kritisieren aktuelle Praxis

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) weist die Argumentation der Kassenärzte scharf zurück. GKV-Sprecher Florian Lanz stellt klar: "In der Realität geht es bei der Terminvergabe doch zu selten um die Frage, was wirklich medizinisch notwendig ist, und viel zu oft um die Frage, ob jemand gesetzlich oder privat versichert ist."

Lanz fordert eine grundlegende Änderung: "Deshalb wäre es richtig, wenn bei der Terminvergabe künftig nicht mehr nach 'gesetzlich oder privat' gefragt werden dürfte." Diese Kritik unterstreicht die seit langem bestehende Ungleichbehandlung zwischen verschiedenen Versicherungsgruppen.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz übt ebenfalls scharfe Kritik. Vorstand Eugen Brysch bemängelt, dass in den vergangenen Jahren Milliarden von Euro im vergeblichen Bemühen verpufft seien, die Wartezeiten für gesetzlich Versicherte zu senken. Brysch fordert die Bundesregierung auf, "die unnützen und teuren Gebühren ersatzlos zu streichen" und stattdessen die wöchentlichen Präsenzzeiten der Kassenärzte zu überprüfen.

Wartezeiten nehmen kontinuierlich zu

Die aktuelle Situation verschärft sich zusehends. Nach einer im Februar veröffentlichten Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine Linken-Anfrage betrug die Wartezeit im Jahr 2024 bei gesetzlich Versicherten durchschnittlich 42 Tage. Im Vergleich dazu waren es im Jahr 2019 noch 33 Tage - ein Anstieg von fast einem Drittel innerhalb von fünf Jahren.

Diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Patienten, die mindestens einen Tag auf einen Facharzttermin warten mussten. Die Realität zeigt damit eine deutliche Verschlechterung der Versorgungssituation für gesetzlich Versicherte.

Geplante Reformen und ärztliche Perspektive

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) plant derzeit ein Sparpaket, das höhere Krankenkassenbeiträge für mehrere Jahre abwenden soll. Eine Expertenkommission hat 66 Empfehlungen vorgelegt, um die Kassen angesichts stark steigender Ausgaben zu entlasten. Kern der geplanten Reform ist ein Primärarztsystem, bei dem Versicherte zunächst zum Hausarzt gehen sollen, der bei Bedarf zum Facharzt überweist - mit Termin innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Gassen bezeichnet das geplante Primärarztsystem als "grundsätzlich einen richtigen Ansatz", warnt jedoch: "Das wird aber auch nicht funktionieren, wenn wir nicht zu einer klaren Definition dessen kommen, was wirklich dringend ist. Nach unserer Einschätzung ist das ein wirklich sehr kleiner Prozentsatz aller Termine."

Der KBV-Vorsitzende differenziert zwischen verschiedenen Patientengruppen: "Diese Patienten müssten innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen behandelt werden. Die große Mehrheit kann aus medizinischer Sicht auch mehrere Wochen oder Monate warten." Als Beispiel nennt er: "Wer Rückenschmerzen hat, muss nicht morgen untersucht werden, wenn er die Beschwerden schon seit drei Jahren hat."

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Ausblick und politische Dimension

Die geplante Reform soll voraussichtlich bis 2028 verwirklicht werden, doch der Weg dorthin ist mit erheblichen Konflikten gepflastert. Die Positionen liegen weit auseinander:

  • Die SPD fordert verbindliche Termingarantien
  • Die Kassenärztliche Bundesvereinigung lehnt diese als praxisfern ab
  • Krankenkassen kritisieren die Ungleichbehandlung nach Versicherungsstatus
  • Patientenschützer fordern grundlegende Systemänderungen

Die Debatte zeigt die tiefgreifenden strukturellen Probleme im deutschen Gesundheitssystem. Während die Wartezeiten kontinuierlich steigen, scheinen die verschiedenen Akteure kaum gemeinsame Lösungsansätze zu finden. Die emotionale Schärfe der Auseinandersetzung - vom "Bullshit"-Vorwurf bis zur Kritik an "sozialistischer Regelungswut" - unterstreicht die Brisanz des Themas für Millionen von Patienten und das gesamte Gesundheitssystem.