Warum mein Kind das Wort „vielleicht“ hasst
Als Sprachwissenschaftlerin glaubte ich, alle Facetten der deutschen Sprache zu kennen. Doch ein unscheinbares Wort brachte mich eines Besseren: „vielleicht“. Meine Tochter mit Downsyndrom reagiert darauf mit Wutausbrüchen, die mich anfangs ratlos zurückließen.
Der Alltag mit Downsyndrom
Unsere Tochter liebt feste Abläufe. Schon am Montag fragt sie aufgeregt: „Sonntag Schwimmbad?“ Ihre Stimme wird dringlicher, je näher der Tag rückt. Um mich nicht unter Druck setzen zu lassen, antworte ich manchmal ausweichend: „Vielleicht.“ Doch dieses Wort entfesselt einen Sturm. Sie bohrt nach, wird lauter, bis mein Mann und ich oft nachgeben. Die Zusage fühlt sich dann wie ein Versprechen an, das wir nicht brechen dürfen. Mein Mann trägt die Konsequenzen – er ist der Schwimmbad-Begleiter.
Ich erkannte: „Vielleicht“ ist für mich ein Freiraum, für sie eine Bedrohung. Sie zieht es vor, Dinge komplett abzusagen, statt sie offen zu lassen. „Dann nicht Omi“, sagt sie, wenn ich unsicher bin. Die Gewissheit einer Absage ist leichter zu ertragen als die Ungewissheit eines „Vielleicht“.
Rituale als Anker
Strukturen und Rituale sind für alle Kinder wichtig, doch für Kinder mit Downsyndrom sind sie essenziell. Sie helfen, die Welt überschaubar zu machen. Unsere Tochter zählt mehrmals täglich ihre nächsten Schritte auf: „Erst Schuhe ausziehen, dann Händewaschen, dann essen, dann Tanzgruppe.“ Ein Freund warnte uns: „Überlegt gut, welche Rituale ihr einführt.“ Sein Sohn bestand auf Orangensaft, unser Kind hat seit Kurzem ein Zelt im Wohnzimmer. Jeden Abend spielt sie mit Papa „im Zelt schlafen“. Wir sind in einer Ritual-Falle gefangen, aber sie gibt Sicherheit.
Die Macht der Unsicherheit
Ich war frustriert über meine Tochter und mein vermeintliches Erziehungsversagen. Doch eine Ergotherapeutin erinnerte mich: „Unsicherheit fällt uns allen schwer.“ Erwachsene haben Strategien entwickelt, mit „vielleicht“ umzugehen. Die Psychologin Judith Glück nennt die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, eine der fünf Eigenschaften weiser Menschen. Wir verdrängen gern die Ungewissheit des Lebens.
Meine Tochter hat einen eigenen Weg gefunden: Wenn ich sage: „Vielleicht, müssen wir mit Papa besprechen“, greift sie pantomimisch zum Handy und verkündet: „Papa ja gesagt.“ Ihre Ernsthaftigkeit ist so süß, dass ich lächle und zustimme. Aus Fantasie wird Wirklichkeit.
Meine Leseempfehlungen
Heute möchte ich drei Texte empfehlen. Fatma Mittler-Solak schreibt über das Muttersein ohne eigene Mutter: „Noch mit 77 Jahren bezeichnet sie sich als Halbwaise. Die Abwesenheit ihrer Mutter ist ihr Lebensthema.“ Ein Interview mit Podcasterin Kathrin Fischer kritisiert die Privatisierung von Stress: „Achtsamkeit ist die Antwort auf fast alles geworden, aber das Bewusstsein für äußere Ursachen geht verloren.“ Und Swantje Unterberg kommentiert die geplanten Kürzungen für Menschen mit Behinderung: „Teilhabe? Zu teuer. Menschenrecht? Egal.“
Ein Moment zum Schmunzeln
Leserin Ulrike T. erzählte mir vom niedlichsten Fluch ihrer Tochter: „Du bist eine ganz böse Mausi!“ – Mausi war das Lieblingskuscheltier. Solche Geschichten zeigen, wie anstrengend und wunderbar Familie ist.
Zum Abschied: Der Familiennewsletter wird künftig zu „SPIEGEL FAMILIE“ – jeden zweiten Samstag auf Spiegel.de. Bleiben Sie uns treu!



