Die Passagiere des Kreuzfahrtschiffs „Hondius“ werden von Teneriffa aus in ihre Heimatländer zurückgebracht, nachdem an Bord Fälle des seltenen Andesvirus aufgetreten sind. Doch wie gefährlich ist dieser Erreger wirklich, und besteht die Gefahr einer weiteren Verbreitung? Fachleute geben Entwarnung, raten aber zu Vorsichtsmaßnahmen.
Das Besondere am Andesvirus
Hantaviren kommen weltweit vor und werden meist durch Staub übertragen, der mit Ausscheidungen von Nagetieren kontaminiert ist. In Deutschland verlaufen viele Infektionen symptomlos oder mit unspezifischen Beschwerden. Die Viren können jedoch auch Fieber mit Blutungen und Nierenschäden verursachen. Die Sterblichkeit liegt bei den hierzulande häufigsten Typen laut Robert Koch-Institut (RKI) bei deutlich unter 0,1 Prozent, bei einer selteneren Variante zwischen 0,3 und 0,9 Prozent. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch kommt bei diesen Typen nicht vor.
Auf der „Hondius“ wurde jedoch das südamerikanische Andesvirus nachgewiesen. „Es ist das einzige Hantavirus, bei dem begrenzte Mensch-zu-Mensch-Übertragungen überzeugend beschrieben wurden“, erklärt Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. Diese Übertragungen scheinen engen und längeren Kontakt zu Erkrankten zu erfordern, insbesondere im häuslichen Umfeld oder bei der Pflege. Scott Weaver von der University of Texas Medical Branch betont: „Das Hantavirus ist primär eine Umweltinfektion, und selbst in seltenen Fällen der Übertragung von Mensch zu Mensch verhält es sich nicht wie ein hoch ansteckendes Atemwegsvirus.“
Das Andesvirus kann Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Husten und eine schwere Lungenerkrankung auslösen, die tödlich verlaufen kann. Es gibt weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine spezifische Therapie, lediglich eine symptomatische Behandlung.
Geringes Risiko einer Ausbreitung in Europa
Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC schätzt das Risiko für die Allgemeinbevölkerung in der EU als sehr gering ein. Selbst wenn es durch evakuierte Passagiere zu einer Übertragung käme, sei das Virus nicht leicht weiter übertragbar, sodass ein großflächiger Ausbruch unwahrscheinlich sei. Zudem fehlt in Europa das natürliche Reservoir des Andesvirus, die Reisratte Oligoryzomys longicaudatus. „Deshalb ist nicht davon auszugehen, dass das Virus in die Nagetierpopulation eingeschleppt wird“, sagt ECDC-Experte Thomas Hofmann.
Mikrobiologe Roman Wölfel von der Universität der Bundeswehr in München sieht die Lage gelassen: „Die Kombination aus Isolation, Kontaktverfolgung und medizinischer Überwachung dürfte das Geschehen vergleichsweise gut kontrollierbar machen.“ Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums befinden sich an Bord des Schiffs eine mittlere einstellige Zahl deutscher Staatsangehöriger.
Empfohlene Maßnahmen
Um Mensch-zu-Mensch-Übertragungen zu vermeiden, empfiehlt die ECDC Tests bei Personen mit möglichen Symptomen. Allerdings schließen negative Testergebnisse eine Infektion nicht vollständig aus. Auch die Inkubationszeit ist variabel: Sie beträgt in der Regel zwei Wochen, kann aber zwischen sieben Tagen und sechs Wochen liegen. Daher sei Wachsamkeit über Wochen hinweg nötig, so Hofmann.
Das RKI empfiehlt für deutsche Gesundheitsbehörden eine sechswöchige Quarantäne für Passagiere nach der letzten möglichen Exposition. In der Unterkunft sollten sie einen eigenen Raum und ein eigenes Bad nutzen. Bei Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen oder Gliederschmerzen ist das Gesundheitsamt zu informieren.
Risiko weiterer Infektionen an Bord
Obwohl derzeit niemand auf der „Hondius“ Symptome zeigt, sind weitere Fälle nicht ausgeschlossen. Die Inkubationszeit kann mehrere Tage bis Wochen betragen. Virologe Schmidt-Chanasit sieht zwei mögliche Infektionsquellen: Eine Einschleppung aus Südamerika oder eine Infektion durch Nagetiere an Bord, etwa durch kontaminierte Lebensmittel oder Staub. Die WHO betont, dass die Lage ernst, das Risiko für die öffentliche Gesundheit jedoch gering sei. „Dies ist nicht der Beginn einer Pandemie“, stellt Maria van Kerkhove klar.



