Neubrandenburger Kinderarzt warnt: Adipositas bei Kindern nimmt dramatische Ausmaße an
Ein besorgniserregender Trend zeichnet sich in der Region Neubrandenburg ab: Immer mehr Kinder leiden unter krankhaftem Übergewicht, wobei die Fälle zunehmend extremere Ausprägungen annehmen. Oberarzt René Hennrich von der Kinderklinik im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum schlägt Alarm und macht auf eine gesundheitliche Krise aufmerksam, die in der Gesellschaft oft noch tabuisiert wird.
Jedes sechste Kind von Adipositas betroffen
Die Zahlen sind erschreckend: Jedes sechste Kind in Deutschland ist krankhaft dick, und in Mecklenburg-Vorpommern liegen die Werte bei Einschulungsuntersuchungen häufig sogar über dem Bundesdurchschnitt. „Wir reden hier nicht von ein bisschen Babyspeck“, betont Hennrich. „Die Anzahl der übergewichtigen Kinder bleibt seit Jahren auf einem hohen Niveau, aber diejenigen mit Adipositas zeigen extreme Ausprägungen.“ So wiegen manche Grundschulkinder bereits 60 Kilogramm, während Jugendliche teilweise auf 140 Kilogramm kommen.
Komplexe Ursachen und schwerwiegende Folgen
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und reichen von Bewegungsmangel über ungesunde Ernährung bis hin zu psychologischen Faktoren. „Es ist ein komplexes Geflecht aus Biologie und Lebensumständen“, erklärt der Kinderarzt. Viele Jugendliche frühstücken gar nicht, snacken sich mit hochkalorischen Fertiggerichten durch den Tag und fallen in die Werbefalle der Lebensmittelindustrie. Die gesundheitlichen Konsequenzen sind gravierend: Adipositas kann bis zu 200 Begleiterkrankungen nach sich ziehen, darunter Fettlebern, Bluthochdruck und Diabetes Typ 2, der mittlerweile auch bei Kindern auftritt. Dazu kommen psychische Probleme und Mobbing, die einen Teufelskreis aus Frustessen und Bewegungsmangel verstärken.
Innovative Ansätze zur Prävention und Behandlung
Um dieser Herausforderung zu begegnen, setzt das Klinikum auf innovative Methoden. Am Weltadipositas-Tag, dem 4. März, lädt die Kinderklinik zu einer Informationsveranstaltung unter dem Motto „Gemeinsam stark gegen Adipositas“ ein. Hier wird unter anderem die neue App Ava-Mate vorgestellt, eine digitale Gesundheitsanwendung speziell für Jugendliche. „Wir müssen die Jugendlichen dort abholen, wo sie sind“, so Hennrich. Die App nutzt einen KI-gestützten Avatar, der mit den Jugendlichen chattet, sie motiviert, Sportvideos zeigt und bei der Ernährung hilft, um die Motivation nach einer Reha auch im Alltag aufrechtzuerhalten.
Forderungen nach politischen Maßnahmen
René Hennrich, selbst Vater von drei Kindern, fordert konkrete Schritte im Kampf gegen Adipositas. „Wenn ich König von Deutschland wäre, würde ich ab der ersten Klasse eine tägliche Frühsportrunde einführen“, sagt er. „Ohne Noten, einfach nur gemeinsame Aktivität, gefolgt von einem gesunden Frühstück.“ Dies würde Kinder an Bewegung gewöhnen und ihre geistige Leistungsfähigkeit im Unterricht steigern. Eltern rät er, frühzeitig mit dem Kinderarzt zu sprechen, da der Body-Mass-Index bei Vorsorgeuntersuchungen genau eingeordnet wird und frühes Gegensteuern entscheidend ist.
Die Informationsveranstaltung findet am 4. März um 17 Uhr im Konferenzraum in Haus G des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums statt und richtet sich an Eltern, Kinder und alle Interessierten. In einer Gesellschaft, in der Adipositas oft noch mit Scham behaftet ist, will das Klinikum Aufklärung und Unterstützung bieten, um die Gesundheit der jungen Generation zu schützen.



