Der OP-Saal ist hell. Alles ist ruhig. Instrumente liegen bereit, Monitore zeigen stabile Werte. Der Klinikalltag läuft. Das ist die Welt, in der alles darauf ausgelegt ist, Fehler zu vermeiden. Und es ist die Welt, in die Achim Braunbeck immer wieder zurückkehrt – obwohl ein Teil von ihm längst woanders ist.
Kein Karriereschritt, sondern eine Vorbereitung
Achim Braunbeck ist Chirurg in Stralsund. Er hat in seiner beruflichen Laufbahn auch andere Orte gesehen. Orte, an denen nichts selbstverständlich ist. Orte, an denen man mit dem auskommen muss, was gerade da ist. Er war für Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen, in Kamerun, in der Zentralafrikanischen Republik und in Haiti. Und jedes Mal nimmt er etwas mit zurück, das sich nicht einfach ablegen lässt.
Braunbeck ist Unfallchirurg und Notarzt. Mehrfach war er in Kriegs- und Krisengebieten im Einsatz. Jetzt bildet er sich in Stralsund zum Bauchchirurgen weiter. Für ihn ist das kein Karriereschritt im klassischen Sinn. Er sagt, dass er diese zusätzliche Qualifikation vor allem für seine künftigen Einsätze in Krisengebieten braucht.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben ihm gezeigt, wo seine Grenzen liegen. Als Unfallchirurg ist er mit schweren Verletzungen vertraut. Doch in Konfliktregionen geht es nicht nur um zerschossene Gliedmaßen, offene Brüche oder Notfallversorgung nach Explosionen. Es sind auch Bauchverletzungen, innere Blutungen, Entzündungen oder akute Erkrankungen, die behandelt werden müssen – oft ohne die Möglichkeiten, die in deutschen Krankenhäusern selbstverständlich sind. „Diese Fälle stressen mich einfach manchmal, weil ich da unsicher bin“, sagt er. Die Ausbildung in der Bauchchirurgie ist für ihn deshalb eine bewusste Entscheidung: Er will beim nächsten Einsatz besser vorbereitet sein.
Von der Schwäbischen Alb nach Stralsund: Chance genutzt
Dass ihn sein Weg nach Stralsund geführt hat, war eher eine Mischung aus Gelegenheit und Überlegung. Aufgewachsen ist er auf der Schwäbischen Alb, seine Ausbildung absolvierte er vor allem in Hessen, begann in Frankfurt zu arbeiten. Nach mehreren Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen stellte sich für ihn die Frage, wo und wie es weitergehen soll. Stralsund kannte er bereits, die Gegend gefiel ihm. Vor allem aber bekam er hier die Möglichkeit zu der Ausbildung, die er suchte. Seine Entscheidung habe er auf keinen Fall bereut, sagt er.
Der entscheidende Antrieb für sein Engagement liegt weit zurück. Schon als Jugendlicher habe ihn die Idee angesprochen, als Arzt dort zu arbeiten, wo Hilfe besonders gebraucht wird. Später wurde daraus ein konkreter Plan. Er studierte Medizin, sammelte klinische Erfahrung und ging schließlich in den ersten Einsatz – unter anderem für Ärzte ohne Grenzen. Der erste Einsatz führte ihn 2018 in den Gazastreifen – damals noch unter völlig anderen Bedingungen als heute. Dort waren auch Patienten mit schweren Schussverletzungen zu versorgen, viele von ihnen mit komplizierten Verletzungen an den Beinen. „Schussverletzungen sind immer schmutzige Verletzungen. Textilfasern, Verbrennungen und Dreck sind in den Wunden. Da muss man gut aufpassen bei der Behandlung“, sagt er.
Prioritäten in der Krise: Wer wird behandelt, wer nicht
Gemeinsam mit Kollegen sichtete er Patienten in verschiedenen Krankenhäusern, um zu entscheiden, wer weiterbehandelt und operiert werden konnte. Solche Entscheidungen haben wenig mit dem zu tun, was Außenstehende sich unter medizinischer Hilfe häufig vorstellen. Natürlich geht es darum, Menschen zu retten. Gleichzeitig müssen Ärzte unter Krisenbedingungen ständig Prioritäten setzen. Was kann man mit den vorhandenen Mitteln überhaupt sinnvoll behandeln? Welche Operation hat Aussicht auf Erfolg? Und wie viel Aufwand kann man für einen einzelnen Patienten betreiben, wenn dieselben Ressourcen an anderer Stelle vielen anderen helfen könnten? Gerade in der Chirurgie ist das ein Dilemma, das sich nicht wegdiskutieren lässt.
Improvisation als Alltag: Lernen aus Krisenerfahrung
Wie groß der Unterschied zu Deutschland ist, hat er auch in Kamerun erlebt. Dort arbeitete er in einer Region, die vom Bürgerkrieg geprägt war. Als er ankam, fehlte es teils an ganz grundlegender Ausstattung. Improvisation wird unter solchen Bedingungen zum Alltag, erinnert er sich. „Dann wird mit dem gearbeitet, was vorhanden ist: mit einfachen Instrumenten, mit Materialien, die zweckentfremdet werden, mit Lösungen, die in Deutschland kaum jemand in Betracht ziehen würde.“
Was nach Improvisation klingt, ist für ihn aber kein Ausdruck von Chaos, sondern von Erfahrung. Für fast alles gebe es irgendwo auf der Welt schon Ideen, wie man unter schlechten Bedingungen arbeiten könne, sagt er. Man müsse nur lernen, wieder anders zu denken.
Dazu kommt: Im Einsatz funktioniert Zusammenarbeit anders. In deutschen Kliniken sind Zuständigkeiten klar geregelt, Hierarchien festgelegt, Fachbereiche voneinander getrennt. „In Krisengebieten kann man sich diesen Luxus oft nicht leisten. Dort muss unmittelbarer und pragmatischer zusammengearbeitet werden. Vertrauen im Team ist entscheidend“, meint er. Gerade das schätzt er an solchen Einsätzen: dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen unter hoher Belastung auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten.
Hohe Belastung heißt allerdings nicht, dass ständig Schüsse fallen und jede Minute dramatisch ist. Auch mit solchen Vorstellungen räumt Achim Braunbeck auf. Krieg, sagt er sinngemäß, sei für Helfer oft anders, als viele Menschen in Deutschland ihn sich ausmalen. Es gebe gefährliche Momente, ja. Aber auch viel Warten, viel Routine. Besonders anstrengend sei die dauerhafte Arbeitslast, die Verantwortung und das Wissen, dass man vor Ort nur für einen begrenzten Zeitraum da ist – während die Menschen, die dort leben, nicht einfach in ein Flugzeug steigen und nach Hause zurückkehren können.
Trotzdem bleiben einzelne Erlebnisse im Kopf. Von einem Fall aus Kamerun berichtet er noch immer sichtbar bewegt: ein sechsjähriges Mädchen mit schwerer Kopfverletzung, viel zu spät ins Krankenhaus gebracht, ohne realistische Chance auf Rettung. Junge Pflegeschülerinnen hätten ihre Hand gehalten, während klar gewesen sei, dass das Kind sterben werde. Später kam der Vater, sah seine Tochter und brach zusammen. „Solche Situationen“, sagt Braunbeck, „sind es, die sich einprägen. Nicht Statistiken, nicht abstrakte Zahlen – sondern Einzelschicksale.“
Hoffnung im Gaza-Streifen: Erste Schritte nach Amputation
Es gibt aber auch die anderen Erinnerungen. Aus dem Gaza-Streifen erzählt er von einer jungen Frau mit schweren Schussverletzungen. Die Ärzte konnten ihr Leben retten, mussten ihr Bein jedoch amputieren. Später sah er ein Video von ihr: die ersten Schritte mit Prothese, mit Gehhilfen, inmitten einer zerstörten Umgebung. Er habe vor Glück geweint, sagt er. Es sind solche Momente, die für ihn den Sinn der Arbeit greifbar machen.
In Stralsund ist sein Alltag heute ein anderer. Die Verantwortung verteilt sich auf mehrere Ebenen, es gibt Rücksprache, Technik, Absicherung. Gleichzeitig ist Achim Braunbeck dort wieder in einer Lernrolle. Als Arzt mit großer Einsatzerfahrung ist er im klinischen Alltag nun erneut Assistenzarzt in einer neuen Fachrichtung. Das bedeutet auch, sich einzuordnen, Anweisungen zu akzeptieren und wieder systematisch zu lernen. Für ihn gehört das dazu. Ob er die neue Facharztausbildung vollständig abschließt, lässt er offen. Zwei bis drei Jahre wären dafür realistisch. Doch schon jetzt denkt er daran, wieder loszugehen.
Interesse, Zweifel und Entscheidung zur Rückkehr
Viele seiner Kollegen reagierten interessiert auf seine Erfahrungen, sagt er. Einige könnten sich solche Einsätze grundsätzlich vorstellen, andere nicht – etwa wegen Familie oder anderer Lebenspläne. Achim Braunbeck selbst will seine Erfahrungen weitergeben und andere ermutigen, diesen Weg zumindest mitzudenken. Nicht jeder müsse dauerhaft in Krisengebiete gehen. Aber für ihn ist klar: Er wird zurückkehren.
„Chirurgen“, sagt er selbstironisch, „sind in humanitären Systemen nicht die Effektivsten und die Wichtigsten. Aber sie sind die Spektakulärsten.“ Hinter dem Satz steckt keine Eitelkeit, sondern nüchterne Selbstverortung. Er weiß, dass humanitäre Hilfe weit mehr ist als Operationen. Und er weiß auch, dass er trotzdem genau dort gebraucht wird, wo Entscheidungen unter Zeitdruck fallen und Improvisation über Leben und Tod mitentscheidet.
Stralsund ist für ihn deshalb derzeit Arbeitsort und Lernraum. Das eigentliche Ziel liegt weiter draußen – in Regionen, in denen medizinische Hilfe fast nie Routine ist.
Stichwort: Ärzte ohne Grenzen
Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) ist eine internationale medizinische Hilfsorganisation, die 1971 in Frankreich gegründet wurde. Sie leistet weltweit Nothilfe in Krisen- und Konfliktgebieten sowie bei Epidemien und Naturkatastrophen. MSF ist in rund 70 Ländern aktiv – etwa in Kriegsgebieten, Flüchtlingslagern oder Regionen mit schwachen Gesundheitssystemen. Die Organisation arbeitet unabhängig von Regierungen und finanziert sich überwiegend aus privaten Spenden. Behandelt werden unter anderem Verletzte, Kranke, mangelernährte Kinder sowie Menschen ohne Zugang zu medizinischer Versorgung. Neben Ärzten sind auch Pflegekräfte, Hebammen, Logistiker und Techniker im Einsatz. 1999 erhielt Ärzte ohne Grenzen den Friedensnobelpreis. Auch deutsche Ärzte beteiligen sich regelmäßig an den Einsätzen – oft für mehrere Wochen oder Monate, bevor sie in ihren Klinikalltag zurückkehren.



