Buckelwal in Nordsee freigelassen: Überlebenschancen minimal
Wal in Nordsee freigelassen: Überlebenschancen minimal

Der in der Ostsee gestrandete Buckelwal ist in die Nordsee gebracht und dort freigelassen worden. Doch die Freude über die gelungene Freilassung währt nur kurz: Experten schätzen die Überlebenschancen des Tieres als äußerst gering ein. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace übt scharfe Kritik an der Aktion und bezeichnet die Freilassung als „todkrankes Wildtier lediglich an einem anderen Ort“.

Greenpeace: Wal auf vielbefahrener Route ausgesetzt

Der Meeresbiologe Thilo Maack von Greenpeace sagte gegenüber dem SPIEGEL: „Am Ende dieses umstrittenen Rettungsversuchs findet sich ein todkrankes Wildtier lediglich an einem anderen Ort.“ Der Buckelwal sei in einer der meistbefahrenen Schiffsrouten Europas ausgesetzt und seinem Schicksal überlassen worden. Man könne den Wunsch, dem Tier zu helfen, zwar nachvollziehen, schätze seine Überlebenschancen aber als minimal ein.

Maack forderte zudem die Veröffentlichung der Trackingdaten: „Angesichts des hohen öffentlichen Interesses und der deutlichen Kritik vieler Expert:innen an dieser selbst erklärten Rettungsinitiative gehören die Trackingdaten und damit der Aufenthaltsort des Wals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nur so wird transparent, ob sich das Leiden des Wals auf dieser Reise gelohnt hat.“

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Zustand des Wals: Schwer krank und geschwächt

Der Buckelwal war mehrfach an der Ostseeküste gestrandet, zuletzt vor der Insel Poel. Sein Gesundheitszustand hatte sich nach Expertenangaben zunehmend verschlechtert. Das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund hatte bereits vor dem Transport gewarnt und von „enormen Verletzungsrisiken für den Wal“ gesprochen. Auch die Internationale Walfangkommission (IWC) hatte die Rettungsversuche kritisiert und vor „falschen Hoffnungen“ gewarnt.

Der Wal trug Netzteile im Maul, die seine Nahrungsaufnahme beeinträchtigten. Zudem hatte er durch die lange Liegezeit im flachen Wasser vermutlich Muskelschäden erlitten. Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betonte: „Von einer Rettung kann man erst sprechen, wenn sich der Wal zurück im Nordatlantik befindet und dort langfristig überlebt.“

Transport in die Nordsee: Eine riskante Aktion

Die private Rettungsinitiative, finanziert von MediaMarkt-Gründer Walter Gunz und der Unternehmerin Karin Walter-Mommert, hatte den Wal in einer gefluteten Barge (einem Lastkahn) zur Nordsee transportiert. Der Transport dauerte mehrere Tage und war von Pannen begleitet. Zwischenzeitlich musste der Konvoi einem Sturm ausweichen, und es gab Unstimmigkeiten im Team.

Die Tierärztin Kirsten Tönnies, die den Wal zuletzt betreut hatte, sagte, sie sei zuletzt nicht mehr zu dem Wal gelassen worden. Auch der Schriftsteller Sergio Bambarén, der zur Initiative gehörte, zeigte sich verärgert: „Ich bin sehr wütend und fühle mich getäuscht“, schrieb er auf Instagram. Ihm sei aus gesundheitlichen Gründen nicht erlaubt worden, auf der Barge mitzureisen.

Kritik an Minister Backhaus

Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) hatte die Rettungsaktion von Anfang an unterstützt und war persönlich vor Ort. Er sprach von einem „Glücksmoment“ und einem „Stück Geschichte“. Kritiker werfen ihm vor, die Rettung des Wals für seinen Wahlkampf zu instrumentalisieren. Der Meeresbiologe Henning von Nordheim von der Universität Rostock kritisierte, dass Backhaus ein Treffen zum Schutz von Meeressäugern abgesagt habe, um eine Pressekonferenz zum Wal zu geben.

„Seit 2006 sterben jedes Jahr über 50 Schweinswale vor unserer mecklenburgischen Küste, viele davon auf qualvolle Weise als Beifang“, sagte von Nordheim. „Das sind Tiere, die genauso leben, die genauso Schmerzen empfinden, die kläglich sterben, ähnlich wie möglicherweise jetzt der Buckelwal.“

Ausblick: Wal sendet keine Daten

Nach der Freilassung in der Nordsee blieb zunächst unklar, wohin der Wal schwimmt. Die Peildaten des Senders wurden von der Initiative nicht wie gefordert an das Umweltministerium übermittelt. „Peildaten sind bei der Initiative mehrfach angefordert worden. Bislang haben wir nichts“, teilte Eva Klaußner-Ziebarth, Sprecherin des Umweltministeriums in Mecklenburg-Vorpommern, mit. Die Fachleute hätten gerade noch mal um die Herausgabe der Daten bis heute Mittag gebeten.

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Ohne funktionierenden Sender droht allerdings unbemerkt zu bleiben, würde das geschwächte Tier binnen Tagen oder Wochen nach dem Freisetzen verenden. Die Rettungsinitiative teilte mit, der Wal sei nach Verlassen der Barge in die „richtige Richtung“ geschwommen, habe aber kleinere Blessuren erlitten. Ob er überleben wird, bleibt fraglich.